Jasmin - Und dann nach Puerto Rico

 

Ich wurde 1981 als zweites Kind in eine hörende Familie hineingeboren, wobei die Geburt gar nicht einfach verlief. Jedoch erfreuten sich meine Eltern und mein drei Jahre älterer Bruder an einem Mädchen, das stets umsorgt wurde.

Nach ca. 5 Monaten keimte bei meiner Mutter der Verdacht einer Hörschädigung auf, weil ich ziemlich lange durchschlief und nicht auf Geräusche reagierte. Der Verdacht wurde aber schnell von meiner Oma und dem HNO Arzt beiseite geschoben und sie meinten, meine Mutter solle nicht zu zimperlich sein. Dieser Arzt klatschte hinter mir mit den Händen und ich drehte mich wohl aus Neugier um und schon konnte ich seiner Meinung nach ganz normal hören.
 

Ein paar Monate später gingen meine Eltern zur HNO Klinik und ließen mich untersuchen, woraufhin die dortige Ärztin meine Eltern mit der Diagnose "beidseitig fast an Taubheit grenzend schwerhörig" schockte. Sie sagte jedoch, dass es nicht auf den Hörschaden ankommt, sondern darauf, wie mich meine Eltern fördern.

Meine Mutter nahm sich das zu Herzen und übte mit mir täglich sprechen, was ich ohne Murren tat und noch mit einem Jahr das erste Wort "Papa" sprach. Die Logopäden lobten mich stets als braves Mädel, das immer mitmacht, während andere Kinder sich auch nach Leibeskräften wehrten.

Die Gebärdensprache kam damals nicht in Frage, weil die Pädagogen stets davon abrieten, da sie der sprachlichen und der geistigen Entwicklung schade. Mit drei kam ich in die Regel-Kindergartengruppe meines Bruders und blieb ein Jahr dort, kam dann nach Frankenthal in die Gruppe für gehörlose Kinder. Ich kam dort nicht so gut zurecht, ich langweilte mich auch und wurde in eine größere, integrative Gruppe schwerhöriger und hörender Kinder versetzt. Dort hatte ich viele Spielkameraden, mit denen ich bis heute noch in Kontakt stehe. Mich hat es immer besonders genervt, dass ich im Stuhlkreis stets zwischen zwei hörenden Kindern als Aufpasser sitzen musste, damit sie mich immer wieder dazu auffordern konnten, aufzupassen, falls ich mich von der Kindergärtnerin wegdrehte.

Ich ließ mich auch noch in der Grundschule für Schwerhörige, die ich aufgrund der Empfehlung der Kindergärtnerin besuchte, sehr leicht ablenken, wo ich das einzige Kind in der Klasse war, das als gehörlos eingestuft wurde. Zur gleichen Zeit bekam ich ein kleines Brüderchen und hoffte ständig, dass er auch gehörlos wäre und mit mir auf die gleiche Schule gehen könnte. Diese Hoffnung schwand auch nicht, als ich kurz daraufhin noch 3 Cousinen bekam. Ich wünschte mir immer, ich wäre nicht die einzige Hörgeschädigte in der Familie, was sich aber nicht erfüllte.

Nach der Grundschule schlug mein Klassenlehrer vor, mich auf die einzige Realschule (in Trier) unseres Bundeslandes zu schicken, was meine Eltern jedoch ablehnten, da sie mich nicht in ein Internat schicken wollten. So bleib ich bis zum Abschluss in der Hauptschule und machte die Mittlere Reife auf der gleichen Schule in einer Berufsfachschulklasse nach. Mit 13/14 Jahren kam ich mit den hörenden Gymnasialschülern in Kontakt, dessen Schule neben unserer stand und beneidete sie um ihre bessere Bildung und die Möglichkeit, das Abitur zu machen. Ich war immer ohne besonders viel Anstrengung die Klassenbeste und wurde deshalb einmal nach einem Diktat von einem fast hörenden Klassenkamerad angemeckert, warum ich denn immer die beste Note haben müsse. Das war wohl so, da Gehörlose im Vergleich zu Schwerhörigen viel weniger Rechtschreibfehler machen.

Ich hörte dann fast zeitgleich von der Gallaudet Universität für Gehörlose und hegte den Wunsch, dort studieren zu können. So kam es, dass ich nach der Mittleren Reife die Chance hatte, das Abitur in Stegen bei Freiburg oder in Essen zu machen. Aufgrund der besseren Kommunikations- und Wahlmöglichkeit bei Leistungskursen (Ich wollte unbedingt Mathematik als Prüfungsfach umgehen) entschied ich mich für den Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg in Essen mit dem Zweig Erziehungswissenschaft/Biologie.

Zwei Jahre lang war ich in einer Klasse mit schwerhörigen Schülern, in der 13. Jahrgangsstufe kamen noch 2 gehörlose Schüler hinzu, weil viele andere Schüler den Weg zum Abi nicht mehr machen wollten. (Durchfall-/Abbrechquote soll bei 60-70% stehen) In unserem Leistungszweig blieben statt den 21 Schülern nur noch 6 übrig, die eine gute Klassengemeinschaft, trotz des sehr unterschiedlichen Hörschadens, bildeten und alle das Abitur bestanden. In Essen haben uns die Lehrer im Vergleich zu meiner alten Schule auch mit viel mehr Respekt behandelt und nahmen uns als gehörlose Menschen vollständig an und gaben ihr Bestes beim Gebärden im Unterricht. Ich erinnere mich noch an die erste Deutschstunde, in der ich meine Hausaufgaben ohne Gebärden vorlas und von der Lehrerin ermahnt wurde, doch Gebärden dabei anzuwenden. Das war für mich wie eine neue Welt und fühlte mich in diesen 3 Jahren dort stets wohl und lernte die Gebärden und die Gl-Kultur auch besser kennen. Dort besuchte ich auch zum ersten Mal ein Gehörlosen-Theater, da wir in meiner alten Schule auf der Bühne nur sprechen durften, egal ob andere gehörlose Zuschauer uns verstehen konnten oder nicht. In Frankenthal war es immer nur wichtig, schön sprechen zu können. So geht bedauerlicherweise viel Wissen verloren.

Nach dem Abitur im Jahr 2001 musste ich mich schweren Herzens von meinen Freunden in der Schule und im Internat verabschieden und wusste noch nicht so recht, wohin es mich verschlagen wird. Nach einigen Überlegungen entschied ich mich für ein Lehramt-Studium (Gehörlosenpädagogik) an der Universität München, das noch ca. zwei Jahre andauern wird. Mit meinen hörenden Kommilitonen komme ich zum großen Teil gut aus, einige von ihnen bemühen sich sehr beim Gebärden, da sie zukünftige Lehrer/innen für gl Kinder werden wollen und eine feste Kommunikationsbasis brauchen.

Kommunikativ komme ich mit meinen Eltern prima aus, auch wenn wir uns nur mit der Lautsprache unterhalten. Wenn jedoch mehrere Leute zusammensitzen, dann achtet leider nicht jeder auf meine Hörschädigung und spricht von vornherein langsamer. Seit einigen Jahren interessiert sich meine Mutter für die Gebärdensprache, was ich schön finde, da ich als Kind (wie viele andere Kinder auch) mit Freunde nicht gebärden durfte und immer wieder zum Sprechen ermahnt wurde. Ich könne so gut sprechen, warum also sollte ich gebärden, wurde mir immer wieder von den Erwachsenen gesagt…

Mittlerweile habe ich nun einige Praktika an verschiedenen Schulen hinter mir und beobachte fasziniert die kleinen Kinder, die mit ihren Händen flink gebärden können und einen viel größeren Wortschatz besitzen als wir vor ca. 15-20 Jahren im gleichen Alter. In diesem Sommer werde ich ein mehrwöchiges Auslandspraktikum in einer Gehörlosenschule in Puerto Rico machen, worauf ich schon sehr gespannt bin und mich darauf sehr freue.

Jasmin



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