Knut Weinmeister - Ein Portrait

 

Der gehörlose Gehörlosenlehrer

von Gisela Hermes

Wollen Sie einmal einen virtuosen Meister der Gebärdensprache kennenlernen und selbst Feuer fangen, diese ausdruckreiche Sprache zu erlernen? Dann buchen Sie einen Kurs bei dem gehörlosen Knut Weinmeister. Er selbst entdeckte vor vielen Jahren die Liebe zur Gebärdensprache „und seitdem lebe ich mit ihr.“ Sein Ziel ist, bei der Verbreitung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache in Deutschland aktiv mitzuwirken. Und das tut er mit viel Spaß und Engagement.

Der 1974 in Kassel geborene Knut Weinmeister kann seit seiner Geburt fast nichts hören. Heute bezeichnet er sich selbst als gehörlos. Knuts sieben Jahre älterer Bruder und seine Eltern sind hörend. Der Vater wurde im Laufe seine Lebens schwerhörig. Da die Eltern keine Gebärdensprache sprechen, kommunizieren sie mit ihrem gehörlosen Sohn in Lautsprache.

Knut sollte von früher Kindheit an das Sprechen lernen. Vor allem die Frühberatungsstelle legte den Eltern nahe, ihrem Kind die Lautsprache und das Lippenlesen beizubringen. Die Mutter übte täglich mit ihm, weil sie wollte, daß er ein möglichst „normales“ und vor allem unabhängiges Leben führen lernt und seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. Ihr Kind sollte in die Gesellschaft integriert sein und kein Außenseiterleben führen. Für sie stellte sich deshalb gar nicht erst die Frage, ob Knut die Gebärdensprache erlernen sollte.

„Ein-Weg-Kommunikation“

Das Lippenlesen ermöglichte Knut, sich überhaupt mit seiner Familie und seinen hörenden Freunden zu verständigen. Hören konnte er sie ja nicht. Aber diese Art von Kommunikation war für ihn immer nur eine „Eins –zu – eins -Kommunikation. Wenn am Tisch gesprochen wurde, habe ich nichts verstanden. Ich habe die Gespräche meiner Familie nicht mitbekommen. Es ging alles viel zu schnell und durcheinander. Das war oft ganz schrecklich für mich, denn ich fühlte mich ausgeschlossen.“

Während seiner ersten 14 Lebensjahre akzeptierte Knut diese Einschränkung. Was blieb ihm auch anderes übrig. Dann machte ihn die Tatsache, daß er in Gruppengesprächen nichts verstand, immer wütender.

Das hing auch mit der Pubertät zusammen. In dieser Zeit änderte sich einiges in seinem Leben, denn auch in seinem Freundeskreis fühlte er sich immer stärker isoliert. Er hatte das Gefühl, nicht mehr „mithalten zu können“. Als kleiner Junge spielte er häufig mit seinen Freunden aus der Nachbarschaft, vor allem liebte er Sportarten wie Fußball und Tischtennis. Hier empfand er seine Behinderung nicht als einschränkend, denn er mußte nur wenig mit Worten kommunizieren. „Beim Sport fallen alle Schranken weg.“ Ab der Pubertät änderten sich die Interessen der Freunde – plötzlich stand nicht mehr der Sport im Vordergrund, sondern es wurde interessanter, sich über andere Themen wie z.B. Erfahrungen mit Mädchen auszutauschen. Die verbale Kommunikation wurde immer wichtiger. Knut fühlte sich oft ausgeschlossen, wenn er mit seinen hörenden Freunden zusammen war.

Die Sonderschule

Hinzu kam, daß er nicht die gleiche Schule besuchte, wie die Kumpels aus der Nachbarschaft. Seine Schule war eine Sonderschule für Hörgeschädigte, die in einem anderen Ort lag.

Er besuchte diese Einrichtung seit dem ersten Schuljahr. Da er bereits bei Schuleintritt wegen der intensiven Förderung durch seine Mutter lesen, schreiben und sprechen konnte, war er den anderen Kindern weit voraus. Bei den anderen Kindern seiner Klasse ging es in erster Linie um den Spracherwerb, denn die meisten waren im Elternhaus nicht so intensiv gefördert worden. Sie hatten demnach nur wenig Vorstellung von Lautsprache, geschweige denn vom Lesen und Schreiben. Aufgrund des großen Bildungsunterschiedes übersprang Knut die 2. und 4. Klasse. Obwohl er vom realen Hörstatus gehörlos war, wurde Knut in die Schwerhörigenklasse eingestuft. Grund dafür war, daß er ein gutes Sprachgefühl hatte, das ihm half, gut von den Lippen zu lesen und zu sprechen, besser als viele der hörbehinderten Kinder. Während des Unterrichts wurde strikt von den Lippen abgelesen. Diskussionen waren nicht möglich, weil die Schüler gespannt auf die Lippen des Lehrers schauten, dadurch aber nicht gleichzeitig die Antwort eines befragten Schülers sehen konnten. Knut bezeichnet die Kommunikation während der Schulstunden als „One way Kommunikation“. Was im Unterricht nicht erlaubt war, wurde jedoch in den Pausen auf dem Schulhof nachgeholt. Die Kinder gebärdeten häufig miteinander. Sie benutzten ihre Hände, Gestik und Mimik, um ihre Laute zu unterstützen. Vorteil dieser vielseitigen Kommunikation war außerdem, daß mehrere Kinder auf einmal miteinander sprechen konnten. Plötzlich waren Unterhaltungen in der Gruppe möglich. Hier hatte Knut zum ersten Mal Kontakt zur Gebärdensprache. Aber noch sollte diese keine große Rolle in seinem Leben spielen.

Trotz des großen Klassensprungs fühlte sich Knut in der Grundschule oft unterfordert. Eine Situation, die manche Kinder erleben, wenn sie eine Sonderschule besuchen. Denn „viele Lehrer stellen zu geringe Anforderungen an hörbehinderte Kinder.“

Seinen Realschulabschluß absolvierte er ohne Probleme. Da er sehr lernbegierig war, wechselte Knut auf die Kollegschule für Schwerhörige und Gehörlose in Essen wo er das Abitur machen wollte. Das Lippenlesen reichte hier jedoch nicht mehr aus, um den Unterrichtsinhalten in der Schwerhörigenklasse zu folgen. Er wechselte in die Gehörlosenklasse. Seine neuen Mitschüler, die alle gehörlos waren, verständigten sich in den Pausen nur durch Gebärdensprache. Warum sollten sie sich auch mit dem mühsamen Lippenlesen und Sprechen aufhalten, wenn sie sich mit ihren Händen wesentlich einfacher und lebhafter unterhalten konnten? Nun lernte Knut die Gebärdensprache von Grund auf - auf dem Schulhof und im Internat. Nicht bewußt, sondern ganz nebenbei lernte er, selbst Gebärden zu benutzen. Dadurch, daß er sowohl gut sprechen wie auch gebärden konnte, übernahm er manchmal die Dolmetscherrolle zwischen gehörlosen und schwerhörigen Schulkameraden.

Die Gebärdensprache wird wichtig

Lange Zeit erkannte Knut die Gebärdensprache nicht als Vollsprache an, sondern sah sie ausschließlich als Kommunikationsmittel für Gehörlose untereinander. Ihm war das Erlernen und die Anwendung von Lautsprache wichtiger, und er sah keine Notwendigkeit, daß im Unterricht Gebärden angewendet werden sollten. Die Gebärdensprache war für ihn das Mittel zweiter Wahl. Knut dachte, daß Gehörlose diese eben anwenden müßten „weil sie Lautsprache nicht können – daß sie die Gebärdensprache wegen mangelnder Förderung benutzen müssen“. Seine Abwertung ging damals soweit, daß er der Meinung war, daß gehörlose Menschen „zu doof sind, um Lautsprache zu lernen.“

Kurz vor dem Abitur änderte sich seine Einstellung. Durch die stetige Anwendung von Gebärden wurde er immer gewandter im Ausdruck und ihm wurde bewußt, wie wichtig diese Sprache für ihn geworden war, welche Möglichkeiten sie ihm eröffnete. Dank ihrer Hilfe konnte er innerhalb von Gruppen kommunizieren, konnte gleichberechtigte Gespräche führen, sich streiten... „plötzlich konnte ich über alles reden, was mich bewegte, konnte meine Gefühle ausdrücken und fühlte mich nicht länger eingeschränkt.“

Damals erkannte Knut, daß er die Lautsprache immer bevorzugt hatte, weil ihm von den schwerhörigen Schülern und den Lehrern eingeredet worden war, daß sie überlebensnotwendig für ihn sei, um in der nichtbehinderten Welt zurecht zu kommen. „Sie diente meiner Anpassung an die Umwelt, aber nicht meinen Bedürfnissen, mit anderen Menschen gleichberechtigt zu kommunizieren.“

Isolation in der Welt der Hörenden

Dann kam seine Ausbildung zum Bibliothekar in der Welt der Hörenden. Eine schreckliche Zeit der Isolation brach für ihn an. Mit einzelnen Kollegen konnte er sich zwar verständigen, aber Gespräche mit mehreren Menschen und die Inhalte von Mitarbeiterversammlungen konnte er nicht verfolgen. „Ich brauchte die Gebärdensprache, um mit den anderen reden zu können. In einer Gruppe braucht man immer Gebärden. Aber die Kollegen beherrschten nur die Lautsprache.“ Der Weg der Kommunikation war ihm versperrt. Knut fühlte sich immer isolierter, war frustriert. „Mein Selbstwertgefühl sank in den Keller.“ Sein Leben bestand aus einem unerfreulichen Arbeitstag mit wenig Austauschmöglichkeiten. Abends, nach der Arbeit blühte er auf. Dann besuchte er regelmäßig ein Kommunikationszentrum für Gehörlose. Dort fand sein eigentliches Leben statt, ein Leben in dem der Kontakt mit anderen Menschen problemlos möglich war. Er lebte in zwei völlig getrennten Welten, die nichts miteinander zu tun hatten.

Die Arbeitssituation wurde immer unerträglicher „Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Leben lang in der hörenden Arbeitswelt zu verbringen. Meine Isolation war zu groß“ erinnert er sich. Immer öfter unterrichtete Knut jetzt in seiner Freizeit hörende Menschen in Gebärdensprache. Er wollte ihnen vermitteln, daß diese eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik ist, die linguistisch mit anderen Sprachen gleichgestellt werden kann. Zu seiner eigenen Fortbildung besuchte er Gebärdensprachseminare (Deutsche Gebärdensprache) und war begeistert. Da es in seiner Heimatstadt Kassel niemanden gab, der DGS unterrichtete, war er dort der erste Lehrer. Nun unterrichtete er an der Uni, im bifos und überall ,wo er interessierte Menschen fand. Dieses zweite Leben, das in seiner Freizeit stattfand, nahm immer mehr Raum ein.

Die vielen Nachfragen nach seinem Unterricht taten seinem Selbstbewußtsein sehr gut. „Durch die Kurse sind mir meine Fähigkeiten klargeworden. Ich glaube, ich kann gut Leute überzeugen und gut unterrichten. Das macht mir auch sehr viel Spaß.“ Und sie gaben ihm eine Bestätigung, die er im Berufsalltag nicht finden konnte.

Knut wußte nun, daß er die Kommunikation mit anderen Menschen braucht „wie die Luft zum atmen“ und fragte sich immer häufiger, wie es beruflich mit ihm weitergehen sollte. Mit Widerwillen dachte er an die Arbeit: „So soll Dein Leben jetzt für immer aussehen? Nein danke!“

Neue berufliche Perspektiven als Gehörlosenlehrer

Die Idee, seine Freizeitbetätigung, das Verbreiten der Gebärdensprache, zu seinem Beruf zu machen, wurde immer stärker. Er wollte erreichen, daß die Hörenden ihn und andere Gehörlose besser verstehen können. Mehr Gleichwertigkeit schaffen. „Ich wollte zeigen, wie schön und vielfältig die Gebärdensprache ist.“

Die Gebärdensprache sollte zu seiner Welt werden, deshalb brach Knut die Ausbildung zum Bibliothekar ab. Stattdessen begann er 1995 ein Studium der Gehörlosenpädagogik an der Universität Hamburg. Dort herrschte eine „Aufbruchstimmung in Bezug auf die Gebärdensprache.“ Die Hamburger Universität galt als „das Mekka für Gebärdensprache“. Was er mit dem Studium beruflich machen kann? „Lehrer an einer Gehörlosenschule werden.“, sagt Knut.

Das neue Studium war eine Befreiung: „Mir ist in Hamburg bewußt geworden, daß die Gebärdensprache aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. In Gebärdensprache kann ich mich ausdrücken. Meine innere Sprache, meine Gefühle, und Gebärdensprache passen besser zusammen, und ich kann mich mit ihr besser ausdrücken“.

Heute ist Knut mitten in seiner Studienzeit und genießt das Studentenleben. Sein Leben ist unkomplizierter und schöner geworden. Aber auch an der Hamburger Universität stößt er mit seiner Behinderung auf Kommunikationsgrenzen. „Die Lehrenden sind hörend und die wenigsten beherrschen die Gebärdensprache.“ Deshalb ist Knut immer wieder auf Dolmetscher angewiesen, um im Studium zurecht zu kommen. Die Kommunikation über Dolmetscher empfindet er als anstrengend – oft versteht er vom Gespräch nur Bruchstücke, weil nur wenige Dolmetscher qualitativ auf dem hohen Niveau der Universität sind. Da er sehr damit beschäftigt ist, dem Dolmetscher zu folgen, fragt er selten nach, wenn er etwas nicht verstanden hat. Er gibt schneller auf. Nur wenn Gehörlose selbst lehren, wird im Seminar gebärdet. Erst dann hat Knut wirklich die Chance dem gesamten Unterrichtsstoff mühelos zu folgen. Dann kann er auch nachfragen, wenn er etwas nicht verstanden hat. Kann mitdiskutieren. Glücklicherweise werden immer mehr Betroffene auch als Lehrende tätig.

Impulse aus den USA

„Einmal ohne Dolmetscher leben zu können,“ das war seit langem sein Traum. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, erlernte Knut die amerikanische Gebärdensprache und schrieb sich für ein Jahr an der amerikanischen Universität für Gehörlose in Washington, DC ein. Unterrichtet wird dort in Gebärdensprache - viele Lehrenden sind selbst gehörlos. Zum ersten Mal konnte Knut erleben, wie es ist, dem Unterrichtsstoff ohne Probleme und auch ohne Dolmetscher folgen zu können. Eine Befreiung für ihn! „In den USA sprechen die Professoren die Sprache der Studenten. Sie denken wie Gehörlose – wir Gehörlosen sind direkter und haben andere Denkstrukturen, da unsere Sprachstruktur anders ist. Wir verwenden sehr viel mehr bildhafte Darstellungen als Hörende. Dort habe ich auch einen gehörlosen Professor getroffen, der mich stark beeindruckt hat. Ben Bahan, ein wunderbarer Geschichtenerzähler, mit einem messerscharfen Verstand, zugleich menschlich und weltoffen. Er ist in der Gehörlosenkultur fest verankert und trotzdem offen für die Welt der Hörenden. Hörende und gehörlose Studenten behandelt er stets gleich. Er ist für mich zu einem großen Vorbild geworden.“ Obwohl die Universität in Hamburg noch weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt ist, war die Entscheidung dort zu studieren, für Knut genau die richtige. Er weiß jetzt, wo er hingehört, fühlt sich nicht mehr zwischen verschiedenen Welten zerrissen. Dadurch hat sich auch sein Verhältnis zu den Hörenden verändert. „Früher fühlte ich mich in der Umgebung von Hörenden immer minderwertig, fühlte mich behindert. Das war nicht meine Welt. Inzwischen habe ich mir eine Welt geschaffen, so daß ich mich auch unter Hörenden nicht minderwertig fühle.“

Unterstützung durch die Gemeinschaft der Gehörlosen

Nicht nur das Studium stärkte sein Selbstvertrauen. Einen großen Anteil an seiner Entwicklung zu einem selbstbewußten jungen Mann mit klaren Zielen hatte auch die Gemeinschaft der Gehörlosen. Eine Zeit lang verbrachte Knut seine Freizeit ausschließlich mit anderen gehörlosen Menschen. Er erklärt sich diese Phase damit, daß „man sich in der Gesellschaft mit Gehörlosen anders entwickelt. Ich brauchte diese Isolierung für die Entwicklung meines Selbstbewußtseins. Nach einer Zeit konnte ich wieder Selbstvertrauen entwickeln, wieder richtig leben. Wichtig ist, daß ich weiß, wo mein Platz ist und wer ich bin. Und die Gehörlosengemeinschaft hat mir dabei geholfen, das herauszufinden.“

Die Gebärdensprache ist zu Knuts Haupt-Kommunikationsmittel geworden. Zwar wendet er die Lautsprache in der Welt der Hörenden immer noch an, aber wirklich ausdrücken, was er denkt und fühlt, kann er nur in der Gebärdensprache. Diese ist existentieller Teil seines Lebens geworden. Inzwischen denkt er sogar in Gebärden. Auf der anderen Seite realisiert Knut, daß „ich mich nicht völlig von der Lautsprache abwenden kann – ich brauche diese, um lesen und schreiben zu können.“

Politische Ziele

Daß seine Behinderung gesellschaftlich bedingt ist, steht für Knut außer Frage. Deshalb gilt sein Engagement der Anerkennung der Gebärdensprache als eigene Sprache. „Wenn die Gebärdensprache nicht als eigene Sprache anerkannt und gefördert wird, bleiben Gehörlose weiter unter sich und sind somit in einer eigenen Welt isoliert. Die Öffnung der Gehörlosengemeinschaft nach außen ist wichtig, damit wir nicht weiterhin von der Kommunikation mit der hörenden Welt abgeschirmt sind. Dieses ist jedoch nur möglich, wenn auch hörende Menschen die Gebärdensprache erlernen.“ Deshalb findet er Gesetzesinitiativen aus der Selbstbestimmt Leben Bewegung und von DEN GRÜNEN wichtig, in denen die Gleichstellung aller behinderten Menschen und die Anerkennung der Gebärdensprache gefordert wird. Die Zusammenarbeit mit anderen Behindertenorganisationen sieht er als notwendig an, denn „wir müssen über unseren Tellerrand hinausschauen, wenn wir etwas erreichen wollen. Es ist nicht sinnvoll, wenn jede Behindertengruppe alleine für sich kämpft. Nur gemeinsam sind wir stark.“

Träume

Wünsche für die Zukunft hat Knut noch sehr viele, auf privater und auf gesellschaftlicher Ebene. Zuerst einmal die Privaten: Kinder möchte er haben, am liebsten mit seiner jetzigen, hörenden Freundin, die Gebärdensprachdolmetscherin ist. Schön wäre es, wenn die Kinder gehörlos wären. Knut fürchtet, daß er ihr Umfeld sonst nicht verstehen kann, er nicht weiß, in welcher Welt sie leben und was sie beschäftigt. Außerdem vermutet er, weniger Kontrollmöglichkeiten über sie zu haben, wenn sie Lautsprache sprechen und er nicht.

Dann wünscht er sich, daß es für alle Menschen – Hörende und Nicht-Hörende - normal wird, Gebärdensprache zu benutzen. An höheren Schulen sollte diese als zweite Fremdsprache angeboten werden. Dazu müßte es eine gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache als eigenständige Sprache geben.

„In den Regelschulen sollen alle Lehrer und Kinder die Gebärdensprache beherrschen. Gebärdensprache soll benutzt und gelehrt werden, gleiche Erwartungen an gehörlose wie an hörende Kinder gestellt werden.“ Aber auch wenn das realisiert wird, sollen die Gehörlosenschulen weiterhin als eine Wahlmöglichkeit bestehen bleiben. Diese müßten jedoch verändert werden – sie sollen lebendig sein und die Kinder in alle Richtungen fördern und fordern.

Knut befürchtet, daß gehörlose Kinder keine eigene Identität und Umgangskultur entwickeln können, wenn ihnen der Kontakt zu anderen gehörlosen Menschen fehlt. Sie brauchen eine „peer group“ - Menschen die ihnen ähnlich sind - um ein Selbstbewußtsein aufbauen zu können. Die Schulen für Gehörlose könnten eine Möglichkeit sein, dieses zu erreichen. Knut wünscht sich auch, daß immer mehr selbst Gehörlose Lehrer werden, um den Kindern eine Vorbild zu sein.

Auch wenn vielleicht nicht alle Menschen Gebärdensprache können oder lernen möchten, sollte den gehörlosen Menschen eine nahezu hundertprozentige Schriftsprachkompetenz ermöglicht werden. Diese ist Voraussetzung dafür, daß Gehörlose geschriebene Informationen (Zeitungen, Bücher, Fernsehuntertitelung) wirklich ganz verstehen können.

Seine Vision von einer besseren Welt? „Ich stelle den Fernseher an und verstehe alles, weil die Filme und Sendungen untertitelt werden. Alle Informationen sind auch für mich zugänglich. Ich muß nicht mehr fordern, gleichberechtigt behandelt zu werden, denn der Einsatz von qualifizierten Dolmetschern im öffentlichen Leben ist selbstverständlich. Der Einsatz von Dolmetschern, mein Recht auf Kommunikation, wird unabhängig möglich gemacht. Was für ein Leben.“ Für hörende Menschen ist das ganz normal, für gehörlose Menschen noch ein unerfüllter Traum. Knut atmet tief durch und erfreut sich noch etwas an dieser schönen Vorstellung. Daß sie sich realisieren wird, dazu wird Knut Weinmeister ganz sicher mit beitragen.

Quelle: Gisela Hermes, Susanne Göbel, Ottmar Miles-Paul: „graadse leeds“ – „jetzt erst recht!“ selbsthilfe behinderter menschen in portraits. Bifos-Schriftenreihe. 2. Auflage Kassel 2002


Anm. des Webmasters: Der Bericht wird noch ergänzt. Bei Knut Weinmeister hat sich noch so einiges getan seit 2002.



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