Michael - Uns zu gebildeten Gehörlosen erzogen

 

Ich bin als zweiter Sohn hörender Eltern geboren und bin wahrscheinlich seit meiner Geburt gehörlos. Ich habe noch einen älteren Bruder, der ebenso gehörlos ist. Als Kind war er „resthörig“. In der Familie habe ich von meinem Bruder Gebärdensprache gelernt und mit meinen Eltern lautsprachlich kommuniziert. Erst viel später haben meine Eltern einfache Gebärdensprache geübt, mein Vater war Wirt im Kulturzentrum für Gehörlose und dadurch hat er mehr Gebärdensprache gelernt. Meine Mutter hat kurz an einem Gebärdensprachkurs teilgenommen. So können wir in der Familie lautsprachbegleitende Gebärden benutzen. Nur wenn meine Eltern miteinander kommunizierten, benutzten sie die "hörenden" Sprache, die mein Bruder und ich nicht verstanden. Manchmal fragten wir nach und meine Eltern wiederholten das Gesagte.

Schon früh gab ich die Hörhilfe (zuerst um Hals tragende Hörapparat, später Hörgerät am Ohr) auf, weil es bei mir nicht lohnte. Ich verstehe die Mundbewegungen der Hörenden gut, egal ob mit oder ohne Hörhilfe. Manchmal verstand ich trotz Hörgerät nicht, dann schrieben sie auf. Mein Bruder hat später das Hörgerät auch nicht mehr getragen, weil er es zu „blöd“ fand.

Meine Eltern haben uns zu gebildeten Gehörlosen erzogen, mein Bruder und ich haben einen guten Beruf. Ich bin Vermessungstechniker. Mein Bruder und ich haben beide höhere Positionen in Gehörlosen-Sportverbänden.

Da es auch Gebärdensprach-Dolmetscher gibt, können wir Gespräche mit Hörenden führen. Zum Beispiel Dienstbesprechungen im Betrieb, wir können auch mit diskutieren. Falls die Dolmetscher mal nicht da sind, kann ich auch mit den Hörenden direkt sprechen. Wenn die Kommunikation mal nicht klappt, machen wir es einfach schriftlich. Einige Hörende können auch etwas gebärden.

Ich bin gehörlos und trage kein CI, doch bin ich mit meinem Leben zufrieden. Durch die Liebe meiner Eltern sind mein Bruder und ich zu selbstbewussten Gehörlosen geworden. Wir alle, auch meine Eltern sind gegen CI, denn man weiß nie was nach der Implantation des CI geschieht?

Es gibt gute und schlechte Erfahrungen! Ein operativer Eingriff, so auch bei einer CI- Operation, ist immer riskant. Man kann nach der Operation nicht 100 % hören, genauso wie man mit einer Prothese am Bein nicht 100 % normal rennen kann. Eine Behinderung oder Gehörlosigkeit muss man akzeptieren!

Für Gehörlose lohnt ein CI überhaupt nicht! Ich habe mit CI- tragenden Gehörlosen und -Schwerhörigen gesprochen, und habe gemerkt, dass sie oft eine seelische Belastung haben. Sie haben das Hören geübt, aber ihre Behinderung blieb. Sie stehen zwischen der "hörenden" Welt und der gehörlosen Welt und wissen nicht, wo sie wohl hingehören und sind zugleich verzweifelt. Natürlich wünschen die Ärzte, dass die CI-tragenden Gehörlosen in die "hörende" Welt integriert werden, aber sie fühlen sich oft mehr von der gehörlosen Welt angezogen. Die CI-tragenden Gehörlosen kommen immer wieder zu uns und benutzen die Gebärdensprache. Einige Gehörlose haben sogar das CI wieder entfernen lassen und sie fühlen sich dann freier, fröhlicher... Diese Gehörlosen habe ich beobachtet und mich mit Ihnen unterhalten.

An Eltern:

Liebe Eltern, wenn Sie gerade überlegen, ob Sie Ihrem Kind ein CI implantieren lassen wollen, bitte überlegen Sie gut, bevor sie entscheiden. Die Ärzte geben nur einseitige Informationen über CI zu ihren eigenen Gunsten, ihre eigenen Arbeitsplätze zu sichern… Sie achten aber nicht auf die menschliche Würde der Patienten!

Michael



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