Peter Scheifele - Es geht also doch

 

Mein Name ist Peter Scheifele. Ich bin 38 Jahre alt, verheiratet und wohne in Frankfurt am Main. Ich bin selbstständig. Ach ja, und ich bin von Geburt an gehörlos. Mein 7 Jahre älterer Bruder ist auch gehörlos. Meinen hörenden Eltern wurde damals gesagt, sie sollten mit uns sprechen, nicht gebärden.

In der Gehörlosen-Schule wurde ich nach der oralen Methode unterrichtet, also lesen von den Lippen und Sprechtraining. Um das Wort »Auto“ richtig auszusprechen brauchte ich vier Stunden Unterricht. Bei so einem Unterricht lernen gehörlose Kinder nicht, dass es für das Wort „Auto“ noch viele andere Worte gibt. Damals fühlte ich mich nicht wohl. Ich habe mich immer auf die Pausen gefreut, in denen wir uns in Gebärden unterhalten haben. Im Unterricht durften wir nicht gebärden.

Ich kann nicht hören, was ich sage. Wenn ich etwas sage, werde ich oft nicht verstanden trotz jahrelangen Sprechtrainings. Viele denken, dass ich englisch spreche. Hörende denken oft, dass ich Ausländer bin.

Nach dem Realschulabschluss riet mir der Lehrer zur Arbeit als technischer Zeichner. Mein Berufswunsch wäre Bankkaufmann gewesen, aber der Lehrer sagte, dass ginge nicht. (Heute kenne ich bereits zwei gehörlose Bankkaufleute, die allerdings beide nicht im Kundenverkehr arbeiten.) Technischer Zeichner bin ich geworden, weil fast alle Gehörlose das werden.

Nach der Ausbildung habe ich fünfzehn Jahre in der gleichen Firma gearbeitet. Von den 300 Mitarbeitern dort waren damals 8 gehörlos. Die Kollegen hatten trotzdem kein Interesse daran, Gebärdensprache zu lernen. Ich hatte angeboten, es in der Mittagspause zu unterrichten, es hat aber niemanden interessiert, warum, weiß ich nicht.

In der Firma wurde es zunehmend unerträglicher. Heute gibt es das Wort Mobbing dafür. Das ist eines der wenigen englischen Worte, das auch gehörlose Menschen kennen. Mobbing gegen Gehörlose in der Firma bedeutet, dass die hörenden Kollegen bei der Arbeitsverteilung immer einen Tick schneller sind und Überstunden machen während Gehörlose ohne Arbeit da sitzen. Ohne Auftrag acht Stunden an einem Schreibtisch zu hocken und zur Abwechslung nicht einmal telefonieren oder Radio hören können!

Unter Mobbing gegen Gehörlose versteht man auch die Gedankenlosigkeit der Kollegen, die lieber am Schreibtisch des hörenden Arbeitsnachbarn anrufen um einen Mitteilung zu überbringen als ein Fax oder eine Email zu schicken.

Ich wurde immer öfter krank, durchschnittlich alle sechs Wochen. Versetzen in der Firma, keine Chance, Umschulung, auch nicht. Das Arbeitsamt sagte mir, ich solle lieber bei meinem Arbeitsplatz bleiben. Gehörlose seien so schlecht vermittelbar. Aber habe ich gekündigt.

Beschäftigung während der Arbeitslosigkeit hatte ich reichlich, denn ich organisiere seit mehr als zehn Jahren Informationstage, Bildungsfahrten und Urlaube für Gehörlose, um es Gehörlosen zu ermöglichen, besser an Informationen zu kommen. Außerdem leite ich die Gehörlosengemeinschaft Offenbach, unterrichte Gebärdensprache und bin Bistums-Obmann der Diözese Mainz. Diese Arbeit macht mir große Freude. Mein Wunsch war dann auch, endlich einmal in einem Bereich zu arbeiten, wo ich viel Kontakt mit Menschen habe. Reisebüro schien mir sehr interessant.

Durch Bekannte, Freunde und durch Glück habe ich einen Praktikumsplatz in einem Reisebüro bekommen und später einen befristeten Arbeitsplatz in einem Reisebüro um gehörlose Kunden zu beraten. Das lief aber nicht so gut, da niemand an Verbesserungsvorschlägen interessiert war. Ich arbeitete in sieben verschiedenen Städten mit siebenmal verschiedenen Kollegen, die sich größtenteils auch nicht für Gebärdensprache interessierten. Letztendlich war ich wieder arbeitslos, hatte aber eine Menge gelernt und viele Ideen. Also habe ich mir weiter überlegt, mich selbständig zu machen und Informationen gesammelt.

Was mir geholfen hat, waren andere Behinderte. Von einem Nicht-Behinderten habe ich noch nie für mich hilfreiche Ratschläge bekommen. Betroffene wissen was über Förderprogramme, über Arbeitsassistenz, Hilfsmittel, wo man Anträge stellen muss,...

Es geht also doch, ein selbstständiger Gehörloser!

In Mainz leite ich mein eigenes Reisebüro. Ich bin spezialisiert auf Reisen für behinderte Menschen, besonders für gehörlose, einzeln oder in Gruppen. Ich habe eine Arbeitsassistenz, die das Telefonieren für mich übernimmt. Das ist erst seit dem Sozialgesetzbuch IX möglich. Sonst könnte ich nicht selbstständig sein. Hier im Haus unterrichte ich auch Gebärdensprache. Alle Büronachbarn hier können ein bisschen gebärden und wissen, dass sie langsam und deutlich mit mir sprechen müssen.

Das Cochlea Implantat halte ich für überflüssig. Die Cochlea Implantierten können keineswegs normal hören, wie nachfragen bei Spätertaubten gezeigt haben. Für Spätertaubte sind CIs allerdings ein Segen. Cochlea Implantierte hören Geräusche, müssen aber erst lernen, was dieses Geräusch bedeutet. Wenn die Implantation erst spät im Leben erfolgt (nach totaler Gehörlosigkeit) ist das ein Problem. Eine Rest-Schwerhörigkeit bleibt. (Manchmal zu schwerhörig um Sprache verstehen zu können.) Und muss man es wirklich hören, dass der Nachbar den Fernseher zu laut eingestellt hat, der Fußboden knarrt oder die Klo-Spülung rauscht?

Da ich seit Geburt gehörlos bin, will ich auch so gehörlos bleiben. Gehörlos ist gehörlos. Nur Gott hat die Menschen erschaffen. Ich will nicht wie ein Versuchskaninchen behandelt werden.

Peter Scheifele



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