Regina Bergmann - Ein ganz "normales" Leben

 

Ich wurde im Juni 1982 hörend geboren. Im Alter von zwei Jahren erkrankte ich an Hirnhautentzündung und bin taub geworden. Ich habe noch einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Meine Eltern sind damals zu Frühförderung in die Gehörlosenschule/München gegangen. Dort hat man natürlich meinen Eltern ein CI empfohlen. Aber 1984 waren CI noch neue „Objekte“. CI wurde damals in Deutschland noch nicht bei Kindern eingesetzt. In der Schule wurden meine Eltern gewarnt, Gebärden zu lernen, weil angeblich dann das Sprechvermögen darunter leiden würde.

Die Professorin gab uns Hoffnung mit auf den Weg, dass bald eine Operation möglich würde. Meine Eltern wussten nicht so Recht, ob es wirklich gut für mich ist. Als meine Eltern mit mir wieder nach Hause gingen, war zufällig Pause in der Gehörlosenschule. Meine Eltern sahen nur gebärdende Kinder und kein Kind hat lautsprachlich gesprochen. Meine Eltern waren verwundert. Das war schon ein Widerspruch, zu dem, was die Frühförderung gesagt hatte!

Meine Eltern haben nochmals geforscht, womit sie mich erziehen/fördern könnten. So stießen sie auf das Gebärdensprachforschungszentrum in Hamburg. Sie bekamen Gebärdenvideos zugeschickt. Später nahm meine Mama an LBG-Kursen in der Gehörlosenschule teil und später hatte sie Lust, DGS zu lernen. Ich bin gebärdensprachlich aufgewachsen. Ich wurde nicht oral erzogen oder zum Sprechen üben gezwungen. Meine Mama hat mich immer gefördert, wir haben gemeinsam Bilder angeschaut und sie hat mir den Inhalt erklärt. Und nebenbei habe ich auch das Sprechen gelernt. Ich habe schon als Kleinkind immer meine Hörgeräte herausgenommen. Ich konnte immer mit meinen Fragen zu meiner Mama gehen und bekam Antworten.

Ich war ein Jahr zusammen mit meinem Bruder im hörenden Kindergarten, in dem ich mich trotz der besonderen Aufmerksamkeit der Erzieherin nicht wohl fühlte. Nach diesem Jahr bin ich, wie vorgesehen in den Gehörlosenkindergarten gewechselt. Nach dem Kindergarten kam ich in die erste Klasse, später auf die Realschule. Nach dem Realschulabschluss fing ich eine Ausbildung als Industriekauffrau in der freien Wirtschaft an. Die Berufsschule war in Essen.

Insgesamt kann ich über das Schulsystem sagen: Oralismus wird leider bevorzugt und wenig Lehrer können gut gebärden. Man hätte uns mehr fördern müssen und nicht aufs „besser-hören“ trainieren sollen.

Meine Kindheit habe ich insgesamt sehr schön verlebt. Ich habe mich nie von meiner Eltern benachteiligt gefühlt. Mein Bruder war mein Held und hat mich immer beschützt. Mit meiner Schwester habe ich viel gespielt. Die Kommunikation war immer gut. Ich habe nie das Gefühl gehabt, „wie soll ich es meinen Eltern sagen“. Ich konnte immer mit ihnen reden und bin nicht auf „taube“ Ohren gestoßen.

Und jetzt? Ich habe meine Ausbildung abgeschlossen und einen unbefristeten Arbeitsvertrag bekommen. Mein Spitzname ist Locky, weil ich lockige Haare habe. Was noch zu meinen großen Leidenschaften gehört- ist Reisen. Im Sommer 2002 war ich für 6 Wochen in Peru. Ich bin mit dem Rucksack quer durch Peru gereist. Es war eine unvergessliche Reise mit vielen Eindrücken! Meine nächste Reise geht nach Australien. Ich möchte am liebsten die ganze Welt sehen.

Theater spiele ich auch gerne. Ich stand mit 4 Jahren zum ersten Mal auf der Bühne. Ich war das Schaf beim Krippenspiel „Maria & Josef.“ Und seitdem spielte ich öfter Theater.

Ich spiele gern Basketball und Tanzen tue ich auch gerne. Mit dem Fahrrad bin ich fast täglich unterwegs. Zur Arbeit muss ich nur 15 Minuten mit dem Fahrrad fahren.
Ich führe ein ganz normales Leben, ich kann nur nicht hören. Ich bin froh, dass mich meine Eltern so akzeptiert haben wie ich bin. Ich bin glücklich, wie die Bilder von mir zeigen.

 

Regina



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