Rinna - Lehren Sie beides!

 

Stellt euch mal vor, ihr hört, habt ein geregeltes Leben und seid im Schulkindalter. Eines Tages trefft ihr jemanden auf einem Spielplatz, der nicht spricht und immer alleine ist, weil er seine Gedanken und Handlungen nicht vermitteln kann. Seine Eltern jedoch sprechen mit ihm mit Händen. Natürlich fragt ihr eure Mutter, warum das Kind mit den Händen spricht. Ihr bekommt zur Antwort, dass er „taubstumm“ ist und nicht so sprechen kann wie du..

Das hier könnte zu einem der Tage gehören, das ein Kind erlebt hat. Das hörende Kind wird niemals seine eigene Normalität infrage stellen, es kennt es nicht anders.

So nun drehen wir die komplette Geschichte um, so dass am Ende das „taubstumme“ Kind seine ebenfalls gehörlose Mutter fragt, warum die anderen Kinder an bestimmten Plätzen nicht mit Händen reden. Und dauernd ihre Münder bewegen. Die Mutter wird sicher sagen, dass sie hörend sind und sich nicht auf dem gleichen Wege wie sie kommunizieren können. Hier ist ein Problem. Das Kind ist in dem Moment noch zu jung um zu unterscheiden, was „normal“ ist und was nicht, auch wenn die Mutter ihnen versuchen würde zu erklären, wer die „Normalen“ sind. Diese Kinder werden ebenfalls denken, dass sie nicht an ihrer „Normalität“ zweifeln müssen, weil immer noch eine intakte Welt für ihn existiert.... und das verankert sich in die Lebensentwicklung der gehörlosen Kinder von gehörlosen Eltern.

Ich denke, dass ist einer der wichtigen Fakten, warum diese gehörlose Kinder nie oder selten das Bedürfnis haben in die Welt der Hörende einzutauchen, weil sie ihre Welt nicht anders kennen. Eine Welt der Stille.

Und das ist der Grund, warum ich ohne direkte Hörhilfe trotzdem glücklich bin, weil ich die gehörlose Welt sehr schätze. Weil ich sie kenne. Weil sie eine eigene Kultur haben. Weil sie eine eigene Sprache haben, sogar Dialekte. Diese Gesellschaft beinhaltet fast alles was die Hörenden ebenfalls aus ihrer Gesellschaft gemacht haben. Unter uns gibt es natürlich auch Trennungen wie verschiedene Herkünfte, Geschmäcker, Lebensstile usw. Nur das Hören fehlt. Aber wenn wir nicht wissen, wie viel das Hören einem Hörenden bedeuten kann, wie sollen wir nachvollziehen, dass uns ein Teil fehlt? Wir haben also unsere Welt ohne Barrieren erschaffen. Deshalb sehen solche Gehörlosen (deren Eltern auch gehörlos sind) sich nicht als behindert. Weil ja eine intakte Welt existiert, was ich oben schon erwähnt habe.

Wer sich also außerhalb dieser Welt bewegen will, muss sich anpassen und sich zwingen mit anderen Hörenden zu kommunizieren, was aber oftmals daran scheitert, weil die Hörenden sich kaum angesprochen fühlen oder schlecht informiert sind und diese Gehörlosen mit einem Irrenanstaltinsassen verwechseln. Dort sind überall Barrieren und ganz einfach, weil die Hörenden sich diese Welt erschaffen haben. Dort sind wir behindert. Weil die Hörenden die Welt nicht nach dem Bedürfnissen der Gehörlosen „eingerichtet“ haben, obwohl das möglich wäre. Mit UT am Bahnhöfen, gebärdensprachkompetenten Personal usw. Klar, da sagt ihr, dass dafür kein Geld da ist, aber warum haben die Hörende Tausende von Dolmetscher, die mehrere Sprachen sprechen (Englisch, Französisch und die ganze Programm) ausgebildet?

Sie haben uns indirekt ausgegrenzt und wir sollten uns ihnen anpassen, indem wir uns ein CI einpflanzen lassen? Und uns wie Sklaven treiben lassen, indem wir ihre Sprache lernen, uns durch die Labyrinth der deutschen Grammatik quälen und uns darauf konzentrieren, was aus deren Münder herauskommt?

Das alles nur, weil wir eine Minderheit sind?

Wichtig ist, dass einem klar sein muss, bevor er sich mit dem Thema Gehörlosigkeit befassen will, dass wir gehörlose Menschen unsere Behinderung niemals in der hörenden Welt überwinden können, egal wie leicht unsere Hörschädigung ist. Es wird immer eine Ausgrenzung geben.

Leider kenne ich zu viele Erzieher, Pädagogen und Ärzte, denen das nicht klar ist.

In Freiburg in der Uniklinik gibt es eine CI – Abteilung, dort im Foyer gibt es Informationstäfeln, worauf es steht, dass Kinder die keinen Gehör haben, automatisch keine Sprache erwerben können.

Wie bitte? Mein Vater ist gehörlos und kann sprechen, wenn auch nicht perfekt. Und was ist mit der Gebärdensprache? Ist das keine Sprache, obwohl es vor einiger Zeit hier in Deutschland anerkannt wurde? Was soll das? Benutzen die Ärzte die Angst der Eltern, dass sich ihre Kinder zu stummen und traurigen Menschen entwickeln, damit die das Scheiß– Geld verdienen? Ist das keine menschenverachtende Art von Werbung?

Jahrelang hab ich versucht, trotz meiner hörgeschädigten Eltern in die hörende Welt einzutauchen, aber ich hab letztendlich aufgegeben, weil ich begriffen habe, dass ich niemals meine Behinderung überwinden und zu einem Hörenden mutieren kann. Und ich habe auch erkannt, dass ich einen hohen Preis zahlen muss, wenn ich trotzdem weiterhin bei den Hörenden bleiben will, nämlich das Glücklichsein.

Und was geht schon über Glücklichsein?

P.S. Ich habe diesen Text geschrieben, als ich erfuhr, dass ein normal hörender Vater am Überlegen ist (oder war), ob er seinem hörgeschädigten Kind einen CI einpflanzen lassen soll. Ich hoffe, dass ich ihm mit diesem Text einen besseren Einblick der Gehörlosenwelt verschafft habe und mein Rat an solche Leute, die in der gleichen Situation sind wie er: Achten Sie darauf, dass das Kind eine bilinguale Erziehung hat, damit das Kind sich dann im Laufe des Lebens individuell sich für einen Weg entscheiden kann, der Hörenden Welt oder Gehörlosenwelt und daher sollte man ihm auch alle Möglichkeiten bieten. Lehren Sie ihm also die Lautsprache, seinem Talent entsprechend und verbieten Sie ihm nicht die Gebärdensprache, es wäre noch schöner, wenn Sie ihm beides lehren würden.

Rinna





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