Thomas Mitterhuber - Bioinformatik-Student

 

In einer Bauernfamilie in Oberbayern kamen meine Mutter und ihr Bruder als drittes und viertes Kind auf die Welt. Mit einer genetischen Besonderheit: sie wurden beide hochgradig schwerhörig / gehörlos geboren, obwohl in ihrem großen Stammbaum sonst keinerlei Hörgeschädigte zu finden waren. Da mein Vater als das zweite Kind einer einfachen, hörenden Familie in einem kleinen Dörfchen, unweit von Ruhpolding geboren wurde, jedoch sein Gehör an einer Hirnhautentzündung – wohl einer der häufigsten Ertaubungsursachen im Kindesalter – verlor, kann man annehmen, es habe keinen Einfluss auf die Gehörlosigkeit, die meine Schwester und ich besitzen. Vielmehr dürfte man annehmen, die Gehörlosigkeit liege in der Familie mütterlicherseits, da der gehörlose Bruder meiner Mutter, der ebenfalls zweifacher Vater von gehörlosen Söhnen ist. Vater, Mutter und Onkel kamen also in die Landesschule für Gehörlose in München und erwarben selbstverständlich erst dort die Gebärdensprache.

Es kam, wie es kommen musste: die beiden lernten sich kennen, heirateten und wurden Eltern, indem sie mich zeugten und am 6. März 1980 auf die Welt brachten. Sie beide hatten dabei nicht auf den Rat ihrer Eltern, besser doch keine Kinder wegen der Gefahr der erblichen Gehörlosigkeit zu bekommen, gehört. Der Wunsch nach gehörlosen Kindern bestand nicht, eher hatte meine Mutter sich manchmal Sorgen gemacht. Sie kannte das erbärmliche Bildungssystem der Gehörlosenpädagogik nur zu gut. Meine Gehörlosigkeit wurde jedoch erst nach 13 Monaten eindeutig erkannt – meine Eltern waren sich nicht so sicher: sie konnten weder Vergleiche mit anderen Babys machen, noch meine andere, bei Gehörlosen übliche Stimmentwicklung erfassen (doch „redeten“ sie mit mir in ihrer Muttersprache, der Gebärdensprache). Erst eine ärztliche Untersuchung auf Drängen der Frühförderung kam zu diesem Ergebnis. Ich bekam dann also Hörgeräte...

Meine Mutter übte dann, auf Empfehlung der Frühförderung, mit mir das Ablesen, indem sie auf Bilder in einem Bilderkatalog zeigte und mir die dazugehörenden Wörter artikulierte. Dann sollte ich eben die Wörter, die sie aussprach, mit den Bildern verbinden. Das gelang mir sehr gut. Obgleich meine Eltern in der übrigen Zeit mit mir gebärdeten, meinten sie, ich solle die Gebärdensprache als Primärsprache beherrschen, zumal ich bei den Ablesungsübungen nur auf Bilder zeigte und ich mit der Lautsprache kaum Sätze bilden konnte. Meine Eltern, insbesondere meine Mutter legte großen Wert darauf, dass ich nicht nur einen großen Wortschatz besitzen, sondern auch komplexere Sätze ausdrücken sollte, was mir eben mit der Lautsprache nicht gelang. Daher wurde ich sozusagen bilingual erzogen: ich übte weiterhin ablesen (und auch aussprechen); parallel dazu brachten sie mir die Gebärdensprache bei. Hier möchte ich hinzufügen, dass ich das Abgelesene / Ausgesprochene nur visuell erfassen und ausdrücken konnte, also das Hörgerät kaum dazu beigetragen hatte (ich konnte mich nie mit Hörgeräten anfreunden; ich trug, seit ich 13 war, keine Hörgeräte mehr und argumentierte mit der Tatsache, mein Vater benutze auch keine).

Meine Wissensbegierde war oftmals so groß, dass ich bei meiner Mutter so lange bohrte, bis sie aufgab und es mir erklärte. Sie meinte oft, ich könne dies und das ja noch in der Schule lernen, doch ich ließ nicht nach, um mir Wissen anzueignen. Als ich 2 bis 3 Jahre alt war, ging ich mit meiner Mutter zu einem Entwicklungstest, der ergab, dass ich 1 Jahr bzw. eineinhalb Jahre weiter entwickelt war, als ein durchschnittliches Kind.

Als meine Schwester Nicole am 7. Oktober 1982 auf die Welt kam, war ich zweieinhalb Jahre alt. Ihre Gehörlosigkeit wurde bereits nach drei Monaten festgestellt. Meine Freude über die Geburt meiner Schwester war so groß, dass ich schon mit 3 Jahren immer wieder versuchte, ihr mein Wissen weiterzugeben. So versuchte ich als Dreieinhalbjähriger der einjährigen Nicole das Fingeralphabet, das ich bereits mit drei Jahren beherrschte, beizubringen. Ihre Entwicklung verlief, vor allem in den ersten Jahren, ähnlich wie bei mir, wenn auch sie weniger wissensbegierig war.

Mit vier Jahren besaß ich einen sehr großen Wortschatz, so dass ich sogar die Pädagoginnen verblüffte. In diesem Alter konnte ich auch bereits lesen und schreiben. Von da an hatte ich mein Interesse den Büchern gewidmet. Ab und zu las mir meine Mutter auf der Bettkante ein Buch vor, indem wir gemeinsam die Zeilen lasen und sie mir den Inhalt in die Gebärdensprache übersetzte (das trug wohl einiges zu meiner hohen Schriftsprachkompetenz bei). Ich las selbst auch viele Bücher, schrieb bereits mit 7 Jahren längere, fantasievolle Geschichten.

Ich benutzte nach wie vor die Gebärdensprache, um mit den Leuten zu kommunizieren. Jedoch war meine Lautsprachkompetenz auch auf einem relativ guten Niveau, so dass ich mich problemlos mit den Pädagoginnen verständigen konnte. Ich besuchte also zwei Jahre lang den Kindergarten in München. In diesen zwei Jahren fühlte ich mich nicht so wohl, denn es war eine gewaltige Umstellung für mich, nicht mehr täglich, sondern nur am Wochenende im Elternhaus zu sein. Da ich bis zu diesem Alter selten Umgang mit gleichaltrigen Kindern hatte, fiel mir wohl das Loslösen vom Elternhaus umso schwerer. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich mehr und mehr an die neuen Bedingungen. Die Kommunikation im Kindergarten war eher lautsprachlich orientiert. Außerdem war ich da auch unterfordert.

Das änderte sich auch in der Schule nicht (aber auf die Schule hatte ich mich ja so gefreut): da ich den anderen Schülern in meiner Klasse weit voraus war, langweilte ich mich im Unterricht oft. Hier hatte die Lautsprache eine sehr wichtige Stellung, das war auch vor 15 Jahren in den Gehörlosenschulen Deutschlands üblich, wenn auch hier und da mal Lautsprachunterstützende Gebärden (LUG) verwendet wurden. Das änderte sich nicht bis zu meinem Abschluss in der Realschule für Gehörlose in München. Die Lehrer benutzten mehr oder weniger LUG, manchmal LBG. In der Freizeit kommunizierten wir Gehörlosen – wie sollte es auch anders sein? – in der Gebärdensprache.

In der Schule war ich also sehr gut. Mein Vorwissen war groß, ich nahm neues Wissen schnell auf, da ich beide Sprachen relativ gut beherrschte. Zwei- oder drei Male wurde überlegt, ob ich nicht eine Klasse überspringen sollte, aber aus den Plänen wurde nichts, weil die meisten Pädagogen meinten, ich solle mir Zeit lassen.

Irgendwann gelang ich dann also zur Realschule. Und dann auch zur Mittleren Reife, die ich mit „sehr gut“ abschloss. Manche Pädagogen hatten ihre lautsprachlich orientierte Arbeit mit meinem Beispiel als positives Ergebnis ihrer Mühen bestätigt sehen wollen, was mich aber ärgert. Denn ich verdanke meine überdurchschnittlichen schulischen Leistungen vorwiegend meinem Elternhaus und verweise auf die sehr vielen Schüler, bei denen das lautsprachlich orientierte Konzept nicht anschlug.

Schon in jugendlichen Jahren wollte ich studieren. Anfangs wollte ich in den Bereich der Gehörlosenpädagogik. Da ich unbedingt studieren wollte, brauchte ich dann auch das Abitur. Mir fielen zwei Alternativen nach der Mittleren Reife auf den Tisch: das Gisela-Gymnasium in München und die Kollegschule in Essen. Ich besichtigte beide Schulen. Das Gisela-Gymnasium war schnell keine Alternative mehr, als ich den Unterricht der hörgeschädigten Klasse dort besuchte und feststellte, dass hier die Gebärdensprache nichts zu suchen hatte. Außerdem wurden dort Hörhilfen benutzt, die bei mir nicht halfen. Also stand fest, mein Abitur in Essen zu machen.

Ich entschied mich für den erziehungswissenschaftlichen Bereich, da hier die sprachlichen Fähigkeiten stärker gefordert wurden (ich war schon immer gut in sprachlichen Fächern, besonders in Deutsch). Die Unterschiede zu der Realschule waren: hier wurden die SchülerInnen als Erwachsene (endlich!) behandelt und nicht als zu bemitleidende, Hilfe suchende Kinder; außerdem gebärdeten manche LehrerInnen, insbesondere diejenigen, die in gehörlosen Klassen unterrichteten, deutlich mehr. Wenn auch anfangs der Unterricht schleppend war und (für mich) nur aus Wiederholungen bestand (hier mussten ja auch noch die stofflichen Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern beseitigt werden), war der Unterricht für mich oft interessant und fordernd, vor allem in den letzten zwei Jahren.

Nach dem Abitur im Juni 2001 konnte endlich mein Studiumswunsch realisiert werden. Nur hatte sich mein Interesse geändert: ich entschied mich für ein Bioinformatik-Studium. Im noch andauernden Studium habe ich auch einigermaßen viel Kontakt zu Hörenden, was aber auch gut klappt, denn zum einen ist mein Sprechen manchmal gut verständlich, zum anderen können wir zu Pen & Paper greifen. Die Gebärdensprache war und ist noch ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens und ich benutze sie bei allen Mitmenschen, sofern sie nicht hörend sind. Doch jene Menschen machen den größten Teil der Leute, die ich heute um mich habe, aus.

Thomas Mitterhuber



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