Uta Hielscher - Ich fühle mich wohl, wo man mich versteht

 

Das Sonnnenkind war ich, das sagte meine Mutti oft. Ich lachte sehr oft und brachte gute Stimmung in das Familienleben. Damals war ich mir meiner Behinderung gar nicht bewusst.

Als ich vor 22 Jahren in meinem Kinderzimmer mit meinem größeren Bruder unser Mittagsschläfchen hielt, da schlug plötzlich die Tür wegen durch einen Luftzug laut zu. Meine Mutti erschrak sehr und rannte eilig zu uns, um uns zu beruhigen, doch sie sah, dass nur mein Bruder von dem Knall aufwachte. Ich dagegen aber schlief ruhig weiter. Das überraschte sie und so kam es raus, dass ich an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit habe (ca 100db). Meine Eltern waren natürlich verzweifelt und gaben sich alle Mühe, das Beste wie alle anderen Eltern für mich zu tun. Sie informierten sich über die Hörschädigung, auch meine Großeltern halfen mit. Sie hörten von CI, das gab es damals schon, aber es durfte erst ab 12 Jahren eingepflanzt werden (puh:-). Ich trug Hörgeräte, die ich überhaupt nicht mag, ich stellte sie immer ab, als ich zu Hause war.

Ganz normal lebte ich. Meine Familie verbrachte so viel Zeit, wie es nur ging, mit mir zusammen. Wir machten ganz viele Ausflüge, an die ich mich noch ganz gut erinnere. Wir unterhielten uns ganz viel, denn ich schwatzte gern. Meine Eltern und mein größere Bruder haben das Fingeralphabet gelernt, das am Anfang sehr häufig benutzt worden war, später nur für Namen und neue Wörter. Bis heute ist es mir nicht möglich, unbekannte Wörter abzulesen. Leider beherrscht meine Familie die Gebärdensprache nicht, davon hatten die Ärzte ihnen abgeraten. Zum Glück konnte ich sehr gut Ablesen. Meine Mutti sagte mir mal, dass sie sich ganz „normal“ mit mir unterhalten konnte, was später ab ca. 14 Jahren leider nicht mehr gut funktionierte.

Ich ging sehr gern in den Kindergarten für Gehörlose in Dresden, auch wenn ich dann meine Familie nur am Wochenende sah. Ich war ein Heimkind. So viele Kinder und es machte mir auch viel Spaß mit Logopädin sprechen zu üben und viele neue Wörter zu lernen. Wenn ich zu Hause war, dann spielte ich mit den anderen Kindern im Garten oder wenn ich die Großeltern besuchte, dann spielte ich dort auch mit Kindern. Ich hatte gar keine Hemmungen. Es war so, weil ich glaubte, dass ich, wenn ich größer bin, dann auch so hören kann wie alle anderen. So naiv war ich. Ich weiß nicht, wann ich erkannte, dass es ein Irrtum war. Ich glaube, das kam nicht plötzlich, sondern allmählich begriff ich, dass ich anders bin. Aber weil ich so zufrieden war, hatte ich anfangs kein Problem mit meiner Hörbehinderung.

Ich war zuerst ein halbes Jahr in der Gehörlosenschule, dann wurde ich aufgrund meines großen Wortschatzes in die Schwerhörigenschule umgeschult. Darüber war ich sehr froh, denn an meiner neuen Schule lernte ich sehr viel. Nur wenige Sprech- und Ableseübungen gab es. Fast reine Wissensvermittelung, so fast wie eben an einer Regelschule. In meiner Klasse gab es viele stark schwerhörige Kinder, deshalb sprachen die Lehrer deutlich und langsam. Das war ein großer Vorteil für mich, weil es mir das Ablesen erheblich erleichterte und ich fast alles verstand. Hörgeräte musste ich tragen, weil ich von den Lehren dazu gezwungen wurde. Aber sie halfen mir kein bisschen. Die gut meinenden Ärzte sagen, dass man mit Hörgeräten Geräusche hören kann und somit Gefahren auch hören kann, aber wie soll man denn wissen, dass, was man grad gehört hat, eine Gefahr darstellt??

Ab ca. dem 10-ten Lebensalter hatte ich zu Hause so gut wie keine hörende Freunde mehr. Es lag daran, dass es mit der Kommunikation nicht gut klappte. Es ist wichtig zu wissen, dass mit dem Älterwerden die Kommunikation immer wichtiger wird. So verbrachte ich die Wochenenden meistens hinter den Büchern. Ab da verbesserte sich meine Sprache enorm und mein Wissen wurde auch größer.

In der Woche hatte ich mit vielen Freunden viel Spaß, es ist ein wunderbares Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, was mir in der hörenden Welt nie gelungen ist (bis heute, denn die zwischenmenschliche Kommunikation fehlt einfach, und das unabhängig, ob man 110 db oder 70 db hat, denn ich kenne keinen Gehörlosen bzw Schwerhörigen, der sich in der Gruppe mit Hörenden wohl fühlt, außer wenn die Hörenden gebärdensprachkompetent sind).

Der Schwimmverein, den ich über 6 Jahre lang besuchte, stärkte mein Selbstbewusstsein zusätzlich, denn dort konnte ich endlich gehörlosen Erwachsene kennen lernen. Sie waren so eine Art Vorbilder. Durch sie lernte ich, wie sie das Leben meistern und natürlich auch andere Wissenswertes. Das war sehr wichtig für mich, denn so was konnten mir meine Eltern nicht beibringen. Und das wichtigste, was ich auch noch dort gelernt habe, war die Gebärdensprache. Ohne Anstrengung hatte ich mir diese Sprache angeeignet.

Den Weg bis zum Realschulabschluss schaffte ich mühelos, dank älteren Freunden, gehörlosen Erwachsenen, meinen Eltern und meiner Kompetenz im Ablesen. Ich wusste, was ich dann tun wollte, mehr lernen, also bin ich nach Essen gegangen, um das einzige Gymnasium (Kollegschule) für Hörgeschädigte zu besuchen. Das war ein neuer Lebensabschnitt für mich und es hat meinen Horizont stark erweitert. Sehr viele neue Leute lernte ich kennen. Meine DGS wurde um ein vielfaches verbessert, worüber ich jetzt sehr froh bin.

Nach 4 Jahren Abiturzeit sitzen fast täglich 3 Stunden oder mehr in der Woche 2 Dolmetscher im Vorlesungssaal vor mir und ich kann die Vorlesungen im Fachbereich Informatik auch mitbekommen wie die Hörenden. Die Übersetzung verläuft leider nicht so perfekt, weil es sehr schwer ist, die Vorlesungen in DGS zu übersetzen und außerdem viele Dolmetscher jung und unerfahren sind. Wenn die Dolmetscher nicht da wären, wäre ich bestimmt nicht zur HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaft) gegangen. Ich hätte womöglich allein im Zimmer studiert und keine Kontakte zu den Studenten geknüpft. Ich habe 3 Kommilitonen, die ein bissel bis gut gebärden können. Darüber bin ich sehr froh. Mir macht es mehr Spaß, mich mit ihnen zu unterhalten als mit den anderen Kommilitonen, denn die Kommunikation ist so viel leichter.

Was in der hörenden Welt anders ist, das wollte ich schon immer wissen. Endlich lerne ich sie kennen. Einen riesengroßen Unterschied gibt es nicht, außer dass ich mich nur da wohl fühle, wo mich jeder verstehen kann, d.h. wenn ich gebärdensprachkompetente Freunde um mich habe.

Ich hatte nie geglaubt, dass ich mich mal in einen hörenden Mann verlieben würde. Letztes Jahr war das nun doch passiert und seitdem sind wir ein Paar. Wir unterhalten uns natürlich in der Gebärdensprache. Ihm macht es viel Spaß, diese Sprache zu benutzen. :-)

Uta Hielscher



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