Cornelia Dörfler - Meine Unierfahrungen als Schwerhörige.

 

Vielleicht beginne ich mit einem kurzen Fazit: Das „Was“ des Studiums, also: den Studieninhalt, das würde ich auf jeden Fall noch mal so machen. Das „Wie“ aber auf gar keinen Fall.

Grundsätzlich ein Problem ist die Uni-Organisation, die ja per se etwas chaotisch abläuft: Es gibt so viele schwarze Bretter, dass es kaum machbar ist, immer alle im Auge zu behalten. Hier ist es hilfreich, wenn Freunde oder Bekannte dasselbe Fach studieren, und einem Bescheid sagen. Dumm ist auch, wenn man an den schwarzen Brettern von Dingen liest, die man noch nicht begriffen hat: So dachte ich ganz am Anfang meines ersten Studiums, die Rückmeldung, auf die überall aufmerksam gemacht wurde, sei ausschließlich für Examenskandidaten notwendig – so hätte ich sie beinahe knapp verpasst, obwohl ich ja überall davon gelesen habe.

Ja und zum Eigentlichen: Hörsäle und Seminarräume haben in der Regel keine gute Akustik. Das hieß für mich, dass ich dort auch die Menschen akustisch nicht mehr verstanden habe, mit denen es sonst im Zweiergespräch ging. Und da stets (körperliche!) Anwesenheit gefordert war, bin ich dieser Pflicht auch nachgekommen. Im Rückblick kann ich nur jedem raten, der nicht abschätzen kann, wie langweilig es ist, eine Doppelstunde – bzw. einen ganzen Uni-Morgen von drei mal einer Doppelstunde – in die Luft zu gucken und thematisch nichts mitzukriegen, das einmal selbst mit gut schließenden Ohrenstöpseln auszuprobieren.. Ab und an hat der Dozent den einen oder anderen Begriff an die Tafel geschrieben, aber im Gegensatz zu meinem zweiten Studium, kannte ich bei meinem ersten keinen dieser notierten Inhalte oder Namen. Manchmal musste ich aus versehen auch lachen und habe das so schnell wie möglich zu unterdrücken versucht, da meine Gedanken abgeschweift sind und ich an eine komische Situation gedacht habe, die ich mit Freunden erlebt hatte.

Mitunter habe ich auch versucht, mit den paar Termini oder Namen, die ich von der Tafel abgeschrieben hatte, das ein oder andere schlaue Buch zum Thema in der Bibliothek aufzustöbern, was meistens eher nicht erfolgreich war. Zudem hatte ich lange Zeit erhebliche Probleme mit den Signatursystemen in den Bibliotheken, praktisch waren eine Fernleihe und eine der großen Unibibliotheken, bei der man die gewünschten und per PC ausgesuchten Bücher (mit der Software hatte ich keine Probleme) in einem Stapel vor die Nase gelegt bekam.

Während meinem ersten Studium habe ich relativ erfolgreich verdrängt, dass ich auf Grund meiner Schwerhörigkeit akustisch nichts mitbekommen habe. Permanent habe ich mir selbst die Schuld gegeben und habe mir über diese drei Jahre stets selbst die Anweisung gegeben: „Sei´ noch exakter, aufmerksamer, fleißiger,….und du bist wie alle anderen und du kommst mit!“ Ein absoluter Trugschluss, wie ich jetzt meine, mit dem man sich selbst zerfleischen kann und der die Sympathien zum eigenen Ich nicht unbedingt fördert!

Und leider kann man so jahrelang neben sich stehen und einem Phantombild seiner selbst hinterherlaufen! Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich das so lange gemacht habe – aber jetzt kann ich das auch nicht mehr ändern!

Diese morgendlichen Seminare, die für mich ohne Inhalte und leider in der Regel auch ohne jegliche thematische Orientierung blieben, sind doppelt fatal: Morgens keine Eindrücke, am Nachmittag oder Abend (je nach Stundenplan) die doppelte Arbeit!

Ja, irgendwie und irgendwann musste ich mir ja mal das aneignen, was Sache war, wollte ich ein Examen bestehen und das war ja mein Ziel!

In einer Zeit erhöhten Konkurrenzdrucks an Universitäten ist es nicht gerade leicht, sich Skripte auszuleihen. Aber glücklicherweise hatte ich ein paar nette Freunde aus meiner Schule- bzw. sogar noch aus meiner Kindergartenzeit, so dass ich mir immer mal einige Kopien machen konnte. Was ich damals immer für meine eigene Dummheit hielt, was ich erst sehr viel später in der Biografie von Emmanuelle Laborit (Der Schrei der Möwe, Lübbe Verlag) wieder entdeckt habe ist, dass es unheimlich schwierig und oft auch unmöglich ist, Vorlesungen nur anhand eines Skripts nachzuvollziehen, wenn man von den begleitenden akustischen Eindrücken der jeweiligen Veranstaltung nichts wahrnehmen konnte. Ein solches Skript sehe ich auch heute noch genau vor mir: „Generationenkonflikt: 5000 v.Chr., zur Zeit des Alten Testaments, Mittelalter, 19.Jh.“. Es war also sehr kurz geraten und beinhaltete quasi nur eine Auflistung verschiedener Daten, zu denen ich mal annehme, dass es bereits Generationenkonflikte gegeben haben muss, wie die Überschrift verrät. Und ich habe mich dann gefragt: Wie sahen dann jeweils die Generationenkonflikte 5000 v.Chr., zur Zeit des Alten Testaments, im Mittelalter und heute aus? Betraf es beide Geschlechter trotz der sehr unterschiedlichen Erwartungen an beide gleichermaßen? Glaubten all diese Menschen auch, dass sich zwischen ihnen selbst und der nachfolgenden Generation die schlimmsten Auseinandersetzungen der Menschheitsgeschichte abspielten?... Diese Fragenliste ließe sich noch lange fortsetzten.

Und es handelte sich wahrscheinlich um ein Skript, das für Personen wesentlich hilfreicher ist, die auch die Veranstaltung dazu akustisch erlebt haben.

Ein zusätzliches Problem, das manche Menschen mit einer Hörschädigung zu schaffen macht: Ich konnte nicht schnell genug lesen, nicht sonderlich Sinn entnehmend und von „quer lesen“ konnte nicht im geringsten die Rede sein. Und beim Lesen Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden? Woher auch, wenn man von sämtlichen Inhalten noch nie irgendwas gehört hat? Und über die ganzen Fremdwörter, über die ich gestolpert bin! Dann habe ich versucht, alle im Fremdwörterbuch oder in speziellen Fachlexika nachzusehen. Dafür war zu wenig Zeit und man wurde oft so von Stichwort zu Stichwort verwiesen, dass man nur wenig schlauer wurde! Oft habe ich mir gedacht, dass, wenn jemand von den Professoren und Dozenten an der Uni oder die Leute, die das‚ Abitur abgenommen haben, gewusst oder auch nur geahnt hätten, was ich alles nicht kann, dann hätten sie mir sofort den Stempel „vollkommen studienunfähig“ aufgedrückt. Diese Tatsache im Hinterkopf hat mir noch zusätzlichen Schweiß gekostet. Zwischendrin habe ich immer wieder darüber nachgedacht, doch nicht zu studieren und irgendeinen anderen Beruf zu ergreifen. Aber instinktiv habe ich geahnt, dass für mich irgendwie alles so halb nicht machbar war und letztlich haben mich die Inhalte, die ich studiert habe auch interessiert.

Dass ich alle Hürden, die sich mir in den Weg gestellt haben, doch noch überwunden habe, habe ich auch meinen geduldigen und hilfsbereiten Mitmenschen zu verdanken: Meinem Mann für unendliches Mutmachen, Michael Biber, Annette Feldmann und Christina Frick, Jörg Schwedrat (für die Skripte und „Wegweiser“), meinem Vater (für Lesehilfe) und meiner Mutter (für PC-und Rechtschreibhilfe), Gabi Käferlein (für die Stundenpläne).

Letztlich habe ich all das Handwerkszeug, das für ein Studium notwendig ist, zwar gelernt, aber vieles davon zu spät: Heute kann ich quer lesen, schnell ein Buch verschlingen (auch ein wissenschaftliches) – das hatte ich im Alter von 25 Jahren endgültig heraus. Formulieren in einer wissenschaftlichen Sprache konnte ich schon eher, ca. ab dem dritten Semester.

Sehr ärgerlich finde ich im Rückblick auf meinen persönlichen „Uni-Scherbenhaufen mit Happy End“, wenn man immer mal wieder in der Presse liest, dass Eingangstests an Unis propagiert werden, die nur den studierfähigen Teil der Studis aussieben sollen! Was? Wie bitte? Hätte ich da dann nicht studieren dürfen? Meines Erachtens wäre es viel besser, wenn man an Universitäten die notwendige Unterstützung schaffen würde, dass Studis auch Fähigkeiten erwerben können, Lücken schließen können – das wäre nicht nur für schwerhörige bzw. behinderte Studenten eine Chance, wie ich meine, sondern auch für „Ottonormalstudent“.

Das war in meinem Fall im Großen und Ganzen ein Studium ohne Professor, ohne Dozenten, ohne Veranstaltung. Die vielen Fragen, die ich hatte, konnte ich auch keiner Person in dieser Fülle stellen. Das wäre viel zu viel gewesen. Also, habe ich mir das alles langsam selbst erschlossen bei meinem langsamen Lesen. Am schwierigsten war aus meiner Sicht das „Studium ohne Dozent“ im Fach Psychologie. Das fand ich unheimlich schwer nachzuvollziehen und mir war nie klar, wie viele der in den Büchern beschriebenen Beispiele und Experimente ich mir merken soll, oder nicht. Aber es hat letztlich geklappt. Sehr gut, sogar in meinem ersten Examen.

Insgesamt betrachtet, möchte ich das „Studium ohne Dozenten“ nicht weiterempfehlen. Alle Maßnahmen für Hörgeschädigte, wie sie z.B. an der Freien Universität in Berlin (wo ich nicht studiert habe) angeboten werden, halte ich für hilfreich: Die Pflicht für Dozenten, zu jedem Seminar, zu jeder Vorlesung und zu jedem Workshop ein lesbares Skript als Kopie bereitzuhalten für Hörgeschädigte. Ja, klar, Dolmetscherdienste in DGS bzw. für Schwerhörige, denen dies hilft, in LBG. Im Zuge neuerer Techniken ist auch das Schreibdolmetschen oder das Visualisieren mit einem Video-Beamer sehr wertvoll, wenn es sich bei dem an die Wand geworfenen nicht nur um ein „inhaltliches Gerippe“ handelt (das Gezeigte sollte eben umfangreicher sein als: Einleitung – Thema 1 – Thema 2 – Fazit; hier bitte mehr Themennähe und auch immer ein Abwägen von Für und Wider, wie es ja der akustische Teil von Uni-Veranstaltungen auch enthält).

Was ich auch lange nicht einschätzen konnte: War der ganze Stoff, der da tag täglich an mir akustisch unbemerkt vorüber zog wirklich wichtig für die Prüfungen oder nicht? Habe ich Mitstudenten gefragt, bekam ich die Antwort, dass nichts, angeblich auch rein gar nichts irgendwie wichtig sei. Und wendete ich mich an Professoren, habe ich noch zusätzliche Literaturlisten erhalten, wenn ich sie alle lesen hätte wollen, wäre ich wahrscheinlich bis zu meiner Rente beschäftigt. Also: Wieder so klug wie zuvor! Was tun?

Einen guten Wegweiser bekam ich von Freunden, die vor mir Examen gemacht haben und wirklich bemüht waren, ein realistisches Bild der Anforderungen abzugeben!

Ja, man lernt nicht nur für die Prüfungen, sondern für das Leben und aus Interesse! Klar! Das tue ich auch inzwischen wieder, aber damals war mir das vorübergehend vergangen! Ich befand mich in einem Survival Training, von dem ich damals auch nicht wusste, ob ich es jemals überstehen würde! Das geht schon ganz schön an die Substanz und man fragt sich, wie lange man diesen Stil durchstehen würde. Aber letztlich habe ich ihn durch gestanden: 3 Jahre im engeren Sinne (mein erstes Studium) und 3,5 Jahre im weiteren Sinn (mein zweites Studium) und wurde immerhin mit zwei Ersten Staatsexamen in zwei unterschiedlichen Fachbereichen mit jeweils einer eins vor dem Komma!

Nun hatte ich für mich so einen Beweis dafür, dass ich nicht „zu dumm“, „zu schwerhörig“ oder zu sonst was zum Studieren war! Aber: Muss man es den Betroffenen so schwer machen an der Uni???

Worauf ich mal angesprochen worden bin, möchte ich noch kurz eingehen: Ob es hilfreicher ist in DGS mit einem Dolmetscher oder mit einem CI zu studieren. Eine eigenartige Frage. Ich denke, da das CI kein perfektes Hören gewährleisten kann und Betroffene, die viele akustische Eindrücke über das CI aufnehmen und auswerten können, haben trotzdem noch immer „klassische Schwerhörigenprobleme“, wie z.B. Nichtverstehen bei Störschall, Beeinträchtigung auf Grund schlechter Raumakustik, Nachlassen der akustischen Konzentration bei Überbeanspruchung,…Aus diesem Grund denke ich, dass all die Hilfen für hörgeschädigte Studenten, die ich oben genannt habe, auch für CI-Träger interessant sein könnten. In anderen europäischen Ländern scheint man weniger zu versuchen, mit CIs Gebärdensprachen ausrotten zu wollen – dort ist es für Betroffene keine Frage, sich auch mit einem CI mit DGS bzw. ASL helfen zu lassen. Warum nicht?

Sinnvoll ist es sicher immer an einer Universität auf Hörprobleme aufmerksam zu machen. Ob man sich in eine Vorlesung setzt, weil es einem doch was hilft oder weil man es mit Unterstützung hinkriegt, oder ob man darum bittet, ob auf die körperliche Anwesenheit verzichtet werden kann und man es vorzieht, die Inhalte aus Büchern zu erarbeiten, muss jeder selbst entscheiden. Und insgesamt denke ich, dass für alle Hörgeschädigte, die zugleich Probleme mit dem Lesen haben, spezielle Hilfen, wie sie für Blinde bereits üblich sind, und für Schwerhörige und Gehörlose immer wieder angedacht werden, zur Verfügung gestellt werden sollten. Nach Möglichkeit ohne Bürokratiedschungel im Vorfeld!

Dem ist noch anzumerken, dass mein Studium von der Inhaltseite kein „Durchmogeln“ war – ich habe mir sehr, sehr viel gemerkt und falle auch heute noch oft positiv mit einem soliden wissenschaftlichen Uni-Wissen auf. Nur: das hätte man doch einfacher, barrierefreier gestalten können, oder?

Cornelia Dörfler




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