Erika G. - Es gibt doch technische Hilfsmittel

 

Ich wurde am 23.11.1968 hörend geboren. Meine Mutter durfte mich zuerst nicht auf den Arm nehmen, weil ich starke Gelbsucht hatte. Sie musste zuerst behandelt werden. Nach ein paar Tagen durfte mich meine Mutter endlich in den Arm nehmen. Und meine Eltern gingen fröhlich aus dem Krankenhaus heim. Doch nach ein paar Tagen schrie ich immer nur und meine Eltern fuhren mit mir zurück in die Klink. Dort wurde festgestellt, dass ich an Meningitis erkrankt war.

Dadurch wurde ich auf beiden Ohren taub. Es wurde auch über eine OP gesprochen, doch die war nicht möglich. Meine Eltern lehnten sowieso eine Operation ab. Als ich dann 3 Jahre alt wurde, gingen wir wieder zur Uni Klinik in Düsseldorf. Dort wurde wieder ein Hörtest gemacht.. Das Ergebnis war negativ. Meine Eltern sind hörend und wussten nicht mehr weiter. Einige Informationen über hörgeschädigte Kinder bekamen sie in der Klinik. Ich ging in den Kindergarten für Hörgeschädigte in Wuppertal. Dort wurde ich gut aufgenommen. Dort tauschten sie Erfahrungen mit anderen Eltern aus, wie man mit gehörlosen Kindern umgeht.

Meine Eltern konnten keine Gebärdensprache, doch gaben sie sich Mühe mich zu verstehen. Am Anfang ging es ganz gut, doch immer wieder musste ich in die Uniklinik fahren und dort weitere Test an mir durchführen lassen. Das Ergebnis blieb immer negativ. Hörgeräte bekam ich auch und musste sie tragen. Immer wieder nahm ich sie ab, weil ich sie nicht haben wollte. Gezwungen wurde ich die zu tragen. Meinen Eltern glaubten, dass es doch eine Hoffnung gibt, dass mit diesen Hörgerät irgendwann man mich zum Hören bringen kann. Die Erwartungen meiner Eltern wurden enttäuscht, es ist nicht daraus geworden. Sie gaben auf und ließ mich so wie ich bin. Am ersten Schultag in Wuppertal waren wir alle fröhlich. Ich sprach mit Gebärden, aber nicht so ganz gut wie die anderen Kinder es können. Im Kindergarten wurde ein bisschen gebärdet. Nicht so wie es sein sollte.

Im 2 Schuljahr mussten wir nach Düsseldorf umziehen, da die Schule neu gebaut wurde. Zuerst ging ich in die Gehörlosenschule. In der 3. Klasse merkte mein Klassenlehrer, dass etwas merkwürdig bei mir war. Er beobachtete mich die ganze Zeit, als ich an der Tafel schrieb. Für mich war es neu, als ich plötzlich irgendein Geräusch hörte. Ich wusste nicht, was das war. An dem Abend besuchte der Lehrer meine Eltern und erzählte, was in der Klasse passiert war.

Meine Mutter ging wieder mit mir zur Uniklinik nach Düsseldorf. Wieder wurde ein Test durchgeführt und man stellte fest, dass ich auf dem linken Ohr nur schwerhörig bin. Auf dem rechten Ohr blieb ich immer noch taub, auch noch heute. Zur Sprachtherapie wurde ich geschickt, um das Sprechen zu lernen.

Ich wurde in der 3. Klasse in die Schwerhörigenschule versetzt, aber eine Stufe zurück. Für mich war der Anfang sehr schwer, weil ich gewöhnt war immer die Gebärdensprache zu benutzen. Dort in der schwerhörige Schule durften wir nicht. Ich war natürlich nicht begeistert. Die Schwerhörigen- und Gehörlosen-Schule stehen nebeneinander. In der Pause konnten wir mit den gehörlosen Kindern spielen und unterhalten. Leider wurde das strikt verboten, weil die Leiterin der Schwerhörigen-Schule sagte, wir verlieren unsere Sprache. So durften wir nicht mehr zusammen sein, was für mich auch schade war. Meine alten Klassenkameraden fehlten mir. Leider blieben die Regeln so, dass wir keine Gebärdensprache benutzen durften.

Eine schöne Schulzeit war es für mich nicht, ich bin froh es hinter mich gebracht zu haben.

Da ich auch viel Gebärdensprache vergessen habe, arbeitete ich als Altenpflegehelferin im Altenheim für Hörgeschädigte. Meine gehörlose Kollegin brachte mir wieder die Gebärdensprache bei, was ich noch nicht kannte. Von da an benutzte ich immer die Gebärdensprache.

Ich arbeite jetzt im Briefzentrum bei der Post. Mit den Kollegen komme ich ganz gut klar. Ich lese immer vom Mund ab, ich höre sie ein bisschen. Aber die Geräusche der Maschinen sind viel zu laut, so dass ich sie nicht verstehen kann. Wenn die Betriebsversammlung stattfindet, werden die Dolmetscher bestellt, so kann ich viel besser verstehen, um was es im Betrieb alles so geht. Das Mirkofon höre ich schlecht. Die alten Kollegen, mit denen ich zuerst in Wuppertal arbeitete, die Abteilung wurde aufgelöst, kannten mich. Neue Kollegen kannten mich nicht und wussten auch nicht, dass ich Gebärdensprache kann. Sie fragten, seit wann ich Gebärdensprache kennen würde. So lehrte ich ihnen ein paar Gebärden, die sie im Betrieb bei lauten Maschinengeräuschen einsetzen konnten. Z.B. Ruf den Techniker! Wo ist die Aufsicht? Einräumen, hallo und tschüß.

Eine Kollegin will die Sprache richtig lernen und ich bringe sie ihr bei. Sie ist so begeistert von der Sprache, dass sie unbedingt lernen will. Zuerst unterhielten wir uns in beiden Sprachen, der Gebärdensprache und der Lautsprache. Doch manchmal geht es auch schon ganz ohne Lautsprache. Oft werde ich von Hörenden angesprochen, wo es Gebärdensprachkurse gibt. Natürlich bekamen sie immer eine Adresse.

Meine Eltern, die Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousin und Cousinen sind alle hörend. Sie akzeptieren mich wie ich bin. Ich benutze bis jetzt immer noch die Gebärdensprache. Mein Mann ist taub, seine Eltern, sein Bruder und seine Frau sind hörend. Die Großeltern meines Mannes auch. Wie versuchen uns zu verständigen, versuchen uns zu verstehen. Mit Mundsprache und Gebärdensprache. Telefonieren können wir nicht. Gott sei dank gibt es Handy, von dem wir SMS schicken können. Faxen ist auch kein Problem.

Ich habe eine 9 jährige Tochter, die hörend ist. Sie spricht mit mir und ihrem Vater die Gebärdensprache. Es gibt keine Probleme in meinem Familienkreis. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben.

Ich habe mit meinen Eltern über CI gesprochen. Sie meinten, sie würden es bei mir nicht einsetzen lassen, weil sie glauben, ich könnte damit nicht zufrieden leben. Die Ärzte hoffen immer, dass sie mit CI Erfolg haben können, die Kinder damit gut auskommen und hören können. Ich würde empfehlen. Lass die Kinder so wie sie sind. Sie sollten in ihre Gesichter sehen, wie glücklich sie sind. Hört nicht auf Ärzte, seht eure Kinder an. Ich trage immer noch auf dem linken Ohr ein Hörgerät. Auf dem rechten brauche ich es nicht, weil ich mit dem Gerät da auch nicht hören kann. Musik höre ich auch gern.

Sie fragen sich:

Wie ist es denn, wenn die Kinder erwachsen werden, alleine auskommen müssen und auch allein wohnen, wenn die Eltern nicht da sind, z.B. beim Wecken, wenn jemand an der Haustür klingelt, die Kinder nicht telefonieren können, weil sie nicht hören?

Es gibt technische Hilfsmittel, die für Hörgeschädigte geeignet sind!

Blinklichter (Wecker, Lichtklingeln an der Haustür, Telefonlicht, Handy (SMS), Faxgerät und Bildtelefon bzw. Schreibtelefon. Autofahren dürfen wir auch. Nichts ist verboten. Es gibt viele Möglichkeiten für die Gehörlosen. Also warum dann CI?

Liebe Eltern, wenn ihr Kinder taub ist oder schwerhörig, nehmen sie bitte auch Kontakt mit gehörlosen Eltern auf. Wenn Sie ihre Kinder verstehen möchten, lernen Sie auch die Gebärdensprache. Die Kinder werden es Ihnen danken. .

Erika G.



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