Lestat - Am Liebsten unter Gehörlosen

 

Ich bin ein Mädchen, 25 Jahre alt und bin seit meiner Geburt beidseitig schwerhörig.

Mit einem Jahr bekam ich eine Krankheit – Masern - und mein linkes Ohr ertaubte. Bis heute kann ich nichts mit dem Hörgerät auf dieser Seite hören. Es blieb nur mein rechtes Ohr, auf dem ich bis heute noch (24 Jahre lang) ein Hörgerät Phonax (manuell) trage. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Hörgerät und ich kann mir nichts anderes vorstellen, kein CI, keine anderen z.B. digitalen Hörgeräte. Jetzt erzähle ich, wie ich meine Hörschädigung erlebe:

Ich habe eine hörende Familie, ich bin die Einzige, die schlecht hört.

Meine Eltern haben mich, als ich noch ein Baby war, in die Hamburg-Eppendorfer HNO-Klinik gefahren, um herauszubekommen, woher mein Hörschaden kam. Beide Ohren wurden untersucht, aber bis heute weiß niemand, woher mein Hörschaden kommt. Es gibt da verschiedene Vermutungen.

Mit 3 Jahren kam ich das erste Mal in einen Regelkindergarten. Das dauerte aber nicht lange, denn meine Eltern beschlossen, in eine andere Stadt zu ziehen. Dort war es wieder ein Kindergarten nur mit hörenden Kindern. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit den Kindern gespielt habe.

Nach und nach gab es Probleme mit den Kindern. Die Kindergärtnerin sagte meinen Eltern, dass ich nicht gut mit den anderen Kindern zurecht käme, weil ich nicht hören konnte. Oft gab es Streit und Missverständnisse, weil die Kinder mich nicht verstanden. Ich war anders!

Meine Eltern beschlossen für mich einen anderen Kindergarten zu suchen. Mit 4 Jahren kam ich in den Kindergarten des Landesbildungszentrums für hörgeschädigte Kinder. Auch eine Schule war dort angegliedert.

Ich war happy! Jetzt lernte ich mit 5 Jahren endlich in dem Kindergarten meine ersten Gebärden! Ich lebte im Internat und alles verlief gut. Meine Eltern sahen es und waren erleichtert.

Ich ging dort von 1. bis zur 10. Klasse in die Schule.

Die Schule: Ich hatte Glück! Ich hatten einen guten Lehrer, dem ich heute noch danken möchte. Dieser Lehrer hat sich sehr bemüht uns 12 Kindern in der Klasse Lautsprache, also sprechen und ein bisschen Gebärdensprache beizubringen.

In der 6. Klasse lernte ich das internationale Fingeralphabet. Das war für mich praktisch, um vieles zu verstehen.

In der Schwerhörigenklasse mussten wir sprechen und vorlesen können. Es war streng, aber nicht böse gemeint. Es war eine gute Spracherziehung. Ich konnte dann meine eigene Stimme erkennen und verstehen.

Damals schämte ich mich, wenn ich mit Hörenden sprach, ich konnte nicht gut mit ihnen kommunizieren. Von vielen wurde ich ausgelacht, ich würde die „Affensprache“ benutzen. Es war schlimm für mich, weil ich schlecht sprechen konnte. Aber ich konnte doch die Sprache nicht verstehen. – fehlender Ton -

Ich konnte kein „S“ und „T“ sprechen, aber in der Schule lernte ich es über das Vorlesen. Bis jetzt klappt es ganz gut und ich habe keine Probleme mehr mit der Lautsprache.

Mir fehlt das Verständnis für Menschen, die uns wegen unserer Sprache auslachen. Wir sind eben schwerhörig oder gehörlos, wir können eben nur einfach nicht hören! Weil wir nicht hören, brauchen wir die Gebärdensprache.

Mit der Gebärdensprache begreife ich einfach schneller und besser.

Meine Eltern lernten nicht Gebärdensprache, daran war ich gewöhnt. Gut so, so hatte ich beides, mit Freunden Gebärdensprache und zu Hause Lautsprache.

Nach der Schule ging ich in ein BBW, ein Berufsbildungswerk für Hörgeschädigte. Dort machte ich meine Ausbildung und bestand „Gott sei Dank“ meine Prüfung als Technische Zeichnerin für Maschinenbau und Anlagetechnik. Ich bewarb mich bei einer Firma und wurde auch angenommen. Doch dort wussten sie nichts über die Bedürfnisse von Schwerhörigen und so hatte ich doch Kommunikationsprobleme. Ich wechselte also die Firma, in der ich noch heute bin. Sie können dort zwar nicht gebärden, aber die Kollegen sprechen geduldig und langsam mit mir, so das ich alles verstehen kann. Dort bin ich zufrieden. Wenn ich mit ihnen spreche, benutze ich mehr Mimik, so können auch sie mich verstehen. Seit 3 Jahren arbeite ich erfolgreich in dieser Firma, lebe selbständig in einer eigenen Wohnung, mit eigenem Auto. Trotzdem habe ich noch guten Kontakt zu meinen Eltern und zu meiner Oma.

Ich bin schwerhörig, aber am liebsten bin ich unter Gehörlosen. Sie verstehe ich super und habe keine Probleme.

Früher hab ich in der Schule einem anderen Schüler sprechen beigebracht. Ich konnte es prima und seine Lehrerin wunderte sich, woher er das denn könne. Von Hörenden zu lernen ist schwer, von uns zu lernen ist besser, wir wissen wie das gemacht werden sollte.

Für mich ist die Gebärdesprache sehr sinnvoll. Ich habe ein GL im Ausweis und Anspruch z. B. auf Dolmetscherinnen. Wir haben einen Anspruch auf Gebärdensprache, mit Gebärdensprache fühlen wir uns sicher und wohl, wir können damit alles Wissen erwerben.

Wir hatten es damals schwerer, als die Kinder heute. Es hat sich schon viel gebessert für die gehörlosen Kinder. Ich habe 2 Freunde mit CI, der eine hat das Problem, dass er sich weder mit Hörenden noch mit Gehörlosen gut unterhalten kann. Der andere hat das Problem, dass er sich nicht mit Hörenden unterhalten kann. Das kann und darf nicht sein. Auch CI Träger sollten Gebärdensprache angeboten bekommen. Dann könnten sie über Gebärdensprache vielleicht auch sprechen lernen.

Lestat



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