Nicole Mitterhuber - bilingual aufgewachsen

 

Ich bin als zweites und letztes Kind in eine gehörlose Familie hineingeboren.

Die Gehörlosigkeit wurde meinem Bruder und mir vererbt. Wir sind bilingual aufgewachsen.

Meiner Mutter hat sich mit mir sehr viel Mühe gegeben. Ihr verdanke ich sehr viel. Sie brachte mir das Absehen und die Gebärdensprache bei. Sie hat meinem Bruder und mich zu denkenden Menschen gezogen. Die Erziehung hat es mir ermöglicht einen Regelkindergarten zu besuchen.

Ein weiterer Grund für einen Regelkindergartenbesuch war der, vom System her, nicht sehr einladende Gehörlosen-Kindergarten in München. Er war 100 km entfernt, mein Bruder Thomas wurde dort betreut und lebte dort im Internat. Diese Trennung wollten sich meine Eltern nicht noch einmal zumuten. Nach nur einem Jahr im Kindergarten kam ich mit 5 (knapp 6) in die Gehörlosenschule. Eine Erzieherin hat meiner Mutter empfohlen, mich schon mit 5 in die Schule zu schicken, weil sie wusste, dass die derzeitige Klasse gut war, ebenso die Lehrerin. (meine Klasse bin ich sehr dankbar)

Dort blieb ich auch ganze 12 Jahre und machte die Mittlere Reife. (in Gehörlosenschulen haben wir 2 Jahre mehr Unterricht, als bei einer Regelschule aufgrund "von Zusatz-Unterricht". Es werden trotzdem in Deutsch und Englisch Sonderprüfungen geschrieben. Das ist unmöglich! Wir bekommen 2 Jahre Unterricht mehr, sind aber wohl nicht auf dem „normalen Prüfungsniveau der Regelschule. Das sollte mit 2 Jahren zusätzlichen Unterricht doch eigentlich möglich sein!

Nach der Mittleren Reife ( habe mit gutem Durchschnitt abgeschlossen) kam ich in die Fachoberschule der Schwerhörigen-Schule, (Samuel-Heinicke-Schule in Pasing) bei München.

Die Schule hatte vor ungefähr 10 Jahren ein Pilotprojekt, in dem es Schüler/innen der Gehörlosenschule ermöglicht wurde, das Fachabitur in 3 Jahren zu absolvieren, 1 Jahr länger also, um das Defizit in Englisch und Deutsch auszugleichen.

1 Jahr war ich in einer gemischten Klasse, hörende und gehörlose Schüler, bin dann aber nach einem Jahr in eine Klasse gewechselt, die nur von Hörenden besucht wurde.

Danach begann ich Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Aufgrund des doch sehr trockenen Inhaltes brach ich ab und bin zur Zeit in einer Ausbildung zur Masseurin.

Nicole Mitterhuber




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