Niki Riemer - Der Weg war nicht leicht

 

Anlass für meinen kleinen Bericht war ein Vortrag in einem Gehörlosenverein in Wien. Dort wurde das neue Schulkonzept des Institutes für Gehörlosenbildung vorgestellt. Es wurde zwar immer wieder auch über die Benutzung der Gebärdensprache gesprochen, doch kam mir alles sehr unglaubwürdig und oberflächlich vor. Als ich vom Vortrag nach Hause kam, meine Mutter hatte auf meine Kinder aufgepasst, habe ich sie gefragt, wie sie mich denn so gut in die Lautsprache hat bringen können? Da hat meine Mutter mir einiges erzählt, was vielleicht von Interesse ist:

1) Nicht wenige Eltern schämen/schämten sich mehr oder weniger, dass ihr Kind hörbehindert ist und versuchen die Gehörlosigkeit des Kindes zu verstecken. Meine Mutter dagegen hat mich bei jeder Gelegenheit "ganz nach vorne" gebracht. Bei jeder Veranstaltung und überall, wohin wir gingen, saß ich vorn. Sie versuchte mir möglichst viel vor die Augen zu bringen, alles was mich interessierte sollte ich auch sehen. Hürden, Barrieren kannte ich nicht, auch nicht in meinem späteren Leben.

2) Außerdem hat meine Mutter darauf geachtet keinen Unterschied in der Erziehung zwischen mir und meinem um 3 Jahre älteren Bruder zu machen. Bei allen Sachen behandelte sie mich und mein Bruder gleich, mit dem einzigen Unterschied: wenn mein Bruder dummes Zeug machte und nicht zuhören wollte, wurde sie laut, bei mir aber wendete sie meinen Kopf zu sich, damit ich sie anschauen musste. Für sie war das Nichthören kein Grund mich anders zu behandeln als meinen älteren, hörenden Bruder. Mein Bruder sagte mir das später auch oft, besonders in der Zeit, als ich als einziger Gehörloser in der Abiturschule und wegen mangelnder Kommunikationsmöglichkeiten, manchmal deprimiert war. Ich denke, wenn in der Schule und Erziehung (durch Eltern und Lehrer) auch kein Unterschied zwischen Hörenden und Gehörlosen gemacht würde, dann hätten viele Gehörlose weitaus mehr Selbstbewusstsein.

3) Und zuletzt sagte sie, es war für sie sehr mühsam mit mir die Lautsprache zu üben. Bei meiner Mutter fand ich immer „geöffnete Türen“. Ich durfte alles sehen und alles fragen und bekam Antworten. Zu fast jedem Wort hat sie mir ein Bild gezeigt, hat mir das Wort schriftlich und die Aussprache beigebracht. Es war wohl aber nur möglich, weil meine Mutter Hausfrau war und so sehr viel Zeit für mich hatte. So konnte ich durch das Wissen meine lautsprachlichen Fähigkeiten so erfolgreich lernen. Sie glaubt nicht, dass heutzutage bei der Zivilisation, technischen Möglichkeiten (Kids vor dem Computer) und anderen Dingen, genauso ein Erfolg erreicht werden kann. Meine Mutter befürwortet jetzt die Erziehung mit Gebärdensprache. So sollten wir aufwachsen. Sie fragte bei der Unterhaltung mich, warum ich der Meinung sei, dass die Gebärdensprache für die Schriftsprache und Lautsprache fördernd sei. Ich habe ihr erklärt, dass die Gebärdensprache immer noch in den Schulen verpönt ist und somit bei derzeitigem Stand schon schwierig ist. Aber mit der Anerkennung der Gebärdensprache würde sie besser gefördert werden, grammatikalisch und strukturell festgelegt werden, um damit eine Verbindung zur Schriftsprache zu erleichtern. Ich habe ihr erklärt, dass die Gebärdensprache nicht "kürzer" ist, sondern dass sie grammatikalisch sozusagen vierdimensional (3D und Zeit) ist und die Schrift sowie die Lautsprache eindimensional, aber sonst sind die beiden Sprachen inhaltlich gleich.

Ich denke es wird Eltern geben, die auch auf Lautsprache bestehen und deswegen könnten meine Erfahrungen hilfreich sein. Der Weg ist eben nicht leicht.

Und nicht zu vergessen: Ich bin mit 2 1/2 Jahren postlingual ertaubt und meine Mutter hat mich gleich ab diesem Zeitpunkt ziemlich stark gefördert. Wenn Eltern mit 5 oder 6 Jahren etwas ändern wollen, dann denke ich, ist es noch schwieriger. Gebärdensprache ist der beste Weg!

Liebe Grüße, Niki Riemer



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