Nina Dombrowski - Mein Leben

 

22 Jahre bin ich jetzt schon auf dieser Welt – mit der Diagnose ‚hochgradig an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit’. Aber habe ich deswegen ein schlechteres Leben gehabt als andere, ‚normale’ Leute? Ich denke nicht – aber urteilen Sie selber...

Ich wurde 1982 im schönen Rheinland geboren. Zehn Monate nach meiner Geburt gingen meine Eltern mit mir zum Audiologen, um den Verdacht auf eine Hörschädigung bestätigen zu lassen – und bekamen gesagt: ‚Ihre Tochter ist stocktaub.’ Meine Mutter erzählte mir, dass sie dachte: ‚Es ist mein Kind, wir bekommen das schon hin.’ Mein Vater dagegen war sehr betroffen, weil ihm Musik über alles geht und er somit seine Leidenschaft nie mit mir teilen konnte.

Meine Mutter hat dann darauf geachtet dass ich sie angucke, wenn sie mit mir sprach und sie hat auch versucht so deutlich wie möglich zu sprechen und sie hat dann auch einen Gebärdensprachkurs an der VHS zusammen mit meinem Vater besucht und beide haben dann mit mir in LBG kommuniziert. Soweit ich mich zurückerinnern kann ist die Kommunikation immer problemlos abgelaufen, ich habe bei der interfamiliären Kommunikation immer gesprochen und nur selten gebärdet – höchstens als Begleitung zum Sprechen, obwohl meine Art und Weise zu sprechen nicht immer verständlich war, aber meine Familie war ja daran gewöhnt und somit war ich immer voll einbezogen.

Meine Geschwister haben es genauso gehalten mit der Kommunikation, obwohl die Frauen – also meine Mutter und vor allem meine Schwester - mehr Begabung zeigen für Gebärden und mein Bruder und mein Vater sie weniger benutzen, aber Verständigungsschwierigkeiten gab es nie, höchstens Missverständnisse, die oft ein Anlass für gut gemeinte Neckereien von meinem Bruder wurden. Mit meinen Geschwistern verstehe ich mich sehr gut und wir witzeln oft herum.

Meine Eltern haben auch nie ‚vereinfachtes’ Deutsch mit mir benutzt, wofür ich dankbar bin. Es hat wohl auch geholfen, dass ich schon früh einen Appetit für Bücher entwickelt habe und mich mit der Zeit zu einer regelrechten Leseratte entwickelt habe, was sicherlich einer der Gründe für meine ausgezeichnete Beherrschung der deutschen Sprache ist.

Ich wurde dann auch mit 5 Jahren eingeschult, als eine Ausnahmeregelung, da ich mich im Gehörlosenkindergarten langweilte. Aber dann musste ich schon in der 2. Klasse in die Parallelklasse der Schwerhörigengrundschule wechseln, erst einmal nur für einen Monat zur Probe. Ich weiß noch, dass ich anfangs geschockt war, weil alle so schnell sprachen und fast keine Gebärden benutzten und anfangs war ich unsicher, ob mir das wirklich gefallen würde, aber ich habe schnell Anschluss gefunden und bin dann bis zur 4. Klasse dort geblieben.

Es war eine große Umstellung für mich, was das Ablesen vom Munde anbetraf. Ich habe manchmal nichts verstanden und es war mir dann oft zu blöd, aufzuzeigen und zu sagen, dass ich nichts verstanden hatte, was dann oft nach hinten losging, wenn die Lehrerin mich fragte, etwas zu wiederholen!

Als ich dann auf die Realschule für Hörgeschädigte in Dortmund sollte, wollte ich in eine Gehörlosenklasse, weil ich die Nase voll hatte vom ständigen angestrengten Ablesen. Leider stellte sich dann wieder heraus, dass ich mich beim Unterricht langweilte – nicht so sehr in den naturwissenschaftlichen Fächern, aber vor allem in den sprachlichen. Somit wurde ich auch in der 6. Klasse wieder in die Schwerhörigen-Parallelklasse gesteckt und fühlte mich dort sofort wohl, da das Unterrichtsniveau dem meinen entsprach.

Ungefähr um die Zeit hatten meine Eltern vom CI erfahren, waren aber noch skeptisch. Sie wollten aber nicht über meinen Kopf hinweg entscheiden und haben mich gefragt, ob ich ein CI wolle, mit dem ich vielleicht wieder hören könnte. Ich weiß nicht mehr, wie alt ich da war, aber sicherlich nicht jünger als zehn oder elf. Ich habe vehement abgelehnt, weil ich bislang gut zurechtkam trotz meiner Behinderung und auch weil ich diesen Zustand ‚völliger Stille’ gewohnt war. Ich hatte auch mit ca. 10 Jahren aufgehört, meine Hörgeräte zu tragen, weil sie mir wirklich nichts brachten. Ich konnte damit nur Flugzeuge hören (unser Haus ist relativ nah am Flughafen Köln/Bonn gelegen) und wenn jemand in mein Ohr schrie, dann hörte – oder fühlte? – ich nur ein Fiepen, was eher unangenehm war, mir erschienen die Hörgeräte nur als lästige Anhängsel und soweit muss ich sagen, ist mir nie ein Nachteil dadurch entstanden, dass ich sie nicht mehr trage.

Zurück zur Realschule: ich war eine der Besten der Klasse und wurde von den anderen voll akzeptiert, obwohl ich die einzige Gehörlose war, die anderen waren zum Teil hochgradig bis mittel schwerhörig. Meiner Meinung nach waren dies die besten Jahre meiner Schulzeit und ich bin noch heute gut mit einigen KlassenkameradInnen befreundet.

Dann wollte ich das Abitur machen und kam somit auf das Berufskolleg für Hörgeschädigte mit gymnasialer Oberstufe, ich kam auch in eine Gehörlosenklasse, in der ich dann auch die ganzen vier Jahre blieb und als einzige von der Urbesetzung der Klasse das Abitur schaffte – die Drop-Out-Rate der Schule ist ziemlich hoch, ich habe mal gehört dass nur 20% es bis zum Abitur schaffen.

In den sprachlichen Fächern habe ich mich oft gelangweilt und die Lehrerinnen haben sich oft bemüht, mich zu fördern, ohne die anderen SchülerInnen zu vernachlässigen. Meine Lieblingsfächer waren Gesellschaftslehre und Englisch, letzteres hat mir immer besonders viel Spaß gemacht, dank dem Engagement der Lehrerinnen. Dazu beigetragen hat wohl auch dass ich englischsprachige Bücher lieber im Original lese, da bei Übersetzungen Nuancen und Wortspiele, egal wie gut sie gemacht sind, oft verloren gehen – und somit auch meinen englischsprachigen Wortschatz mühelos erweitert habe.

Ich habe mein Abitur im Wirtschaftszweig (1. Leistungsfach: Mathematik, 2. Leistungsfach: BWL) gemacht und war Zweitbeste des Abiturjahrganges mit einem Durchschnitt von 1,5. Mir werden diese vier Jahre in Erinnerung bleiben, weil mein heutiger Freundeskreis dort ‚gegründet’ wurde und weil ich so vieles dort gelernt habe – z.B. gab es dort eine Tanz-AG, in der man Standardtänze wie Wiener Walzer und Foxtrott und lateinamerikanische Tänze wie Salsa oder Rumba lernen konnte. Ich konnte zwar die Musik nicht hören und nur schwach fühlen, aber wenn man sich dem Rhythmus des Partners anpasst funktioniert es auch gut und macht viel Spaß!

Ich wurde auch im letzten Jahr zur Leiterin des Abi-Zeitungsteams gewählt und nach einigen Anfangsschwierigkeiten funktionierte es super. Bei der Abi-Feier war ich teils traurig, dass die größtenteils schöne Schulzeit für mich nun vorbei war, teils froh und aufgeregt, weil ich nun an eine Uni wollte, um zu studieren.

Nach einigen Überlegungen entschied ich mich versuchsweise Geschichte und Volkswirtschaft an der Uni Bonn zu studieren, weil ich mir noch nicht 100% sicher war, wie ich mir meine Zukunft vorstellte. Es stellte sich dann im Laufe des Jahres heraus, dass ein Studium ohne Gebärdensprachdolmetscher für mich jedenfalls fast unmöglich war und so wechselte ich letztes Jahr auf die Uni Hamburg, um Psychologie zu studieren und habe jetzt das erste Semester hinter mir.

Fazit? Mit Gebärdensprachdolmetschern ist das Studium meiner Ansicht nach nahezu problemlos zu schaffen, man ist jetzt auf gleichem Stand wie die anderen Studenten und muss nur noch seinen Grips anstrengen, um mithalten zu können. Ich bin meinen Gebärdensprachdolmetschern sehr dankbar, dass sie es mir ermöglicht haben, mein erstes Semester zu schaffen, ohne aufzugeben und ich bin schon gespannt auf mein zweites Semester! Ich habe auch einige Kontakte unter meinen MitkommilitionInnen geknüpft und fühle mich an der Uni Hamburg wohl.

Und jetzt mal zu mir: wie schon gesagt, bin ich eine Leseratte und könnte ohne Bücher nicht leben. Zur Zeit lese ich ‚House of Leaves’ von Mark Z. Danielewsky, das mir eine Freundin aus England empfohlen hat, aber auch – gezwungenermaßen – psychologische Wälzer.

Ich halte Kontakt zu Freunden, die ich in Nordrhein-Westfalen zurücklassen musste, per E-Mails und Chat und ich treffe mich auch alle Monate mit drei Freundinnen, mit denen ich letztes Jahr zehn Tage Urlaub gemacht habe – wir haben eine Tour durch Irland gemacht und haben in Jugendherbergen und auf Campingplätzen übernachtet. Da ich so gut in Englisch bin, habe ich die Organisation des ganzen Urlaubs übernommen und mit Hilfe des Internets und E-Mails hat alles auch super geklappt und die Irinnen und Iren waren immer sehr hilfsbereit. Mein Freundeskreis besteht größtenteils aus Hörgeschädigten, meine einzigen Kontakte zu Hörenden bestehen aus den MitkommilitionInnen an der Uni und Freunden aus Großbritannien und den U.S.A., mit denen ich oft chatte.

Nun, habe ich bis jetzt tatsächlich ein schlechteres Leben gehabt?

Nina Dombrowski 
Kontakt für Eltern: dombrowski@gmail.com



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