Sarah Beilborn - Ich bin gehörlos - na und?!

 

Ich bin 13 Jahre alt, werde bald 14 und ich bin gehörlos!

Ich möchte jetzt über meine Familie erzählen. In der Familie mütterlicherseits ist meine Mutter als einzige gehörlos. In der Familie väterlicherseits sind viele gehörlos oder schwerhörig! Die Eltern von meinem Vater sind auch gehörlos, die Schwester von meiner Oma, Cousinen von meinem Opa, meine Tanten und Onkeln und meine 4 Cousinen sind auch gehörlos oder schwerhörig, ja und meine Schwester und ich. Und weit entfernte Verwandte sind es auch. Und der Rest, - alle sind hörend.

Wir alle beherrschen Gebärdensprache! Auch meine hörenden Cousinen können Gebärden, natürlich weil ihren Eltern auch gehörlos sind, wir kommunizieren problemlos!! Mein Vater ist Konstruktionstechniker und meine Mutter ist med. Bademeisterin und Masseurin!

Jetzt über mich!

Ich kam am 25.3.1990 zur Welt!! Meine Eltern waren sehr glücklich, sie wussten noch nicht dass ich auch gehörlos bin! Als ich 4 Monate alt war, ließen sie bei mir einen Hörtest in HNO-Klinik Mainz machen! HNO Arzt hat festgestellt, dass ich gehörlos bin. Es war eine Überraschung für meine Familie!! Besonders für meine hörenden Großeltern, aber auch für meine gehörlosen Großeltern, sie hatten schon 3 Enkelkinder, alle sind hörend. Und ich bin die erste gehörlose Enkelin.

Ich bekam meine ersten Hörgeräte als ich 6 Monate alt war, meine Eltern hatten viel Mühe mit mir, weil ich noch klein war und immer meine Hörgeräte ausgezogen habe. Zuerst trug ich Hörgeräte nur 1 Stunde am Tag, dann immer mehr… und jetzt trage ich die Hörgeräte immer! Ich habe zuerst Gebärdensprache gelernt, ich begreife viele Wörter, ich bin froh, dass meine Eltern mir Gebärdensprache beigebracht haben. Sprechen habe ich später gelernt!

Dann kam meine Schwester zur Welt, ich habe mich sehr gefreut. Der Arzt hat festgestellt, meine Schwester ist hochgradig schwerhörig. Meine Eltern hatten nicht mehr so viel Zeit für mich, als meine Schwester da war und war ich ein bisschen eifersüchtig und meine Eltern haben mir erklärt warum. Sie müssen sich um meine Schwester mehr kümmern, genauso wie bei mir, als ich klein war.

Als ich 4 Jahre alt war, haben meine Eltern mich zum normalen Kindergarten gebracht, dort habe ich sprechen besser gelernt, auch kommunizieren mit anderen Kindern. Wenn ich mal etwas nicht verstanden hatte oder die Kinder mich nicht, dann fragte ich meine Kindergärtnerin, sie kann Gebärdensprache, sie war damals Internaterzieherin in einer Gehörlosen-Schule. Ich habe auch viel Kontakt mit hörenden Kindern durch den Kindergarten. Ich ging gerne zum Kindergarten, dazu hatte ich Lust. Und ich ging auch zur Logopädie, dazu hatte ich aber keine Lust. Bis ich zur Schule ging, hatte ich dann keinen Kontakt mehr mit hörenden Kindern und ging auch nicht mehr zur Logopädie!

Ich gehe seit Herbst 1996 zur Freiherr-von-Schütz Schule in Bad Camberg! Dort habe ich viele Freunde. Ich bin die beste in meiner Klasse, ich begreife beim Unterricht immer schnell und habe immer schnell verstanden. Meine Klasselehrerin hatte mir vorschlagen, ich soll eine Klasse überspringen. Ich wollte nicht, weil in der anderen Klasse alle schwerhörig sind und fast keiner kann Gebärdensprache. Ich bin es gewöhnt mit meiner gehörlosen Klasse und ich brauche Gebärdensprache und Lautsprachbegleitende Gebärden im Unterricht.

Bis zur 5. Klasse waren alle in meiner Klasse gehörlos und benutzen Gebärdensprache im Unterricht, ab der 6. Klasse war meine Klasse gemischt, Gehörlose und Schwerhörige. Viele Schwerhörige waren erst auf der normalen Schule, aber sie haben es nicht geschafft und kamen dann auch zur Hörgeschädigten Schule in Bad Camberg. Manche Lehrer können nicht Gebärden, und ich habe alles trotzdem geschafft und jetzt bin ich in der siebten Klasse. Nun sind in meiner Klasse zwei Schülerinnen gehörlos, der Rest ist schwerhörig.

Bis jetzt habe ich kein Problem mit schwerhörigen Mitschülern, mich ärgert nur, wenn sie beim Unterricht nicht gebärden. Aber trotzdem bin ich froh, dass ich weiter durchkomme und ich hoffe, dass es so bleibt. Jetzt gehe ich wieder zur Logopädie, weil ich Lust habe und sprechen üben ist ja auch wichtig für meine Zukunft, aber ich spreche nur mit Hörenden, bei gehörlosen und schwerhörigen gebärde ich nur! Bis jetzt bin ich zufrieden mit meinem Leben!!

Oft habe ich gesehen,

dass viele Eltern ihre Kinder implantieren lassen.
Viele Eltern wussten eben nicht, was sie mit ihren Kindern machen sollen.
Viele Eltern verbieten den Kindern Gebärdensprache zu lernen und sie zwingen sie zum sprechen üben.
Viele Eltern wollen keine gehörlosen Erwachsene kennen lernen!
Viele Eltern schämen sich wegen der hörgeschädigten Kinder und schicken sie nicht zur Hörgeschädigten Schule.
Viele Eltern hören nur was der Arzt sagt.
Das finde ich sehr schlimm.



An Eltern:
Lassen sie ihre Kinder nicht implantieren.
Verbieten sie ihren Kinder nicht die Gebärdensprache.
Lassen sie ihre Kinder mit gehörlosen Kindern Kontakt aufnehmen.
Schämen sie sich nicht für Ihre Kinder.
Hören sie lieber dem Arzt nicht zu.
Kontaktieren sie hörgeschädigte Erwachsene und sie können Erfahrungen sammeln, Meinungen austauschen ist auch wichtig.
Besuchen sie mal mit ihren Kindern einen gehörlosen Verein.
Das macht ihre Kinder glücklich und ihre Kinder werden dankbar sein, wenn Sie ihren Kindern die gehörlose Welt zeigen.
Gebärdensprache ist besonders wichtig für gehörlose Kinder, ohne Gebärdensprache ist viel für gehörlose Kinder unmöglich.
Gebärdensprache gehört zur gehörlosen Welt und macht Gehörlose glücklich!

Haben sie gelesen? Habe ich ein schlechtes Leben gelebt?

Nein, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben, ich fühle mich ganz normal wie ihr, nur ich kann nicht hören!!

Sarah Beilborn



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