Ein Wildfang war ich, stark und schwach

 

1970 im Winter sagte ich: „Okay, lass mich mal raus.“ Ich war flott und erblickte voller Energie die Welt. Die Bett-Nachbarin meiner Mutter lag da bereits drei Tage und durfte natürlich nicht erfahren, dass ich erst eben ins Krankenhaus gekommen war und schon nach 20 min. dem Leben laut „Hallo“ sagte.

Ein Wildfang war ich, trotz meiner Taubheit. Ich fand den Sprachtherapeuten, der regelmäßig bei uns zu Hause war, soo langweilig. Ewig musste ich das Wort dem Bild zuordnen, was manchmal meine Mutter in Verzweiflung getrieben hat. Wenn das Bild eindeutig Brot war, so wählte ich das Wort Banane aus und zeigte freudig auf dieses Bild. Tja, immerhin war der erste Buchstabe richtig, na komm, wer will schon Wunder von einem dreijährigen Kind erwarten, gleich nach drei Sitzungen alles lesen zu können.

Von mir brauchte man wirklich kein Wunder zu erwarten, viel lieber wollte ich mich mit meinen Kräften messen. Der Tag x im Kindergarten für Gehörlose kam und ich befand mich gleich in einem Haufen prügelnder Kinder. Komisch, bei meiner 10-monate älteren hörenden Schwester, zu der ich ein inniges, symbiotisches Verhältnis hatte, war das alles anders. In ihrem Kindergarten, den ich ab und zu mal besuchen durfte, lief alles recht ruhig und friedlich ab. Das Konzept in der Gehörlosenpädagogik muss ja wahnsinnig sein, gehörlose Kinder zu Raufbolden auszubilden. Die Bundeswehr ist doch da voll etepetete, was die Auswahl anbetrifft, naja, hatte ja auch noch nie vor gehabt, mich da zu bewerben. Vielleicht bei der Kriminalpolizei, aber da wäre ich bei meinem ersten Einsatz aufgrund meiner Hörschädigung sehr wahrscheinlich in den Himmel befördert worden. Halleluja, lass mich noch ein wenig leben. 

Naja, so begann ich meine Karriere als Wildfang, prügelte mich hoch,  selbstverständlich nicht ganz ohne Grund. Zum Beispiel fand ich einen kleinen Freund, der nicht weniger brav als ich war, aber nicht so ganz der Pfiffige, den konnte ich für gute Zwecke animieren. Jeden Morgen gab es diese warme Milch mit einer faltigen Schicht drauf, die man nur todesmutig herunterschlucken konnte, ohne dass diese seltsame Haut gleich am Kinn kleben musste. Ich war es leid, mich der Gesundheitsmoral zu beugen. Ich ordnete einfach an, dass mein Freund neben mir sitzen sollte. Er war ja so stolz, naja, meinen Plan erwähnte ich noch nicht. Dann bat ich ihn, heimlich meine Milch auszutrinken. Es gab schließlich eine ganz tolle Lobeshymne von den Erzieherin, die demonstrativ in den Raum schrien: "Schau mal, Michael hat gaaanz alleine die Milch ausgetrunken. Michael ist gaanz stark!" Gut gebrüllt, welche tauber Nuss versteht so etwas. Sollten sie ruhig weiter machen, Hauptsache, dieser Junge fühlte sich gelobt und ich hatte meine Ruhe. Ich kam bestens ohne Milch aus und blieb trotzdem stark.

Die Milch-Szene hielt nur ein halbes Jahr an, bevor ich übergewechselte in den Kindergarten für Schwerhörige. Macht nichts, dort gab es auch einen Jungen, der voller Enthusiasmus meine Milch weiterhin austrinken durfte und später auch meine Salate.

Meine Position als unerschrockene Bengelin erkämpfte ich auch spielerisch und so blieb es die nächsten 10 Schuljahren bis zur Entlassung. Mit den hörenden Nachbarskindern, sprich, mit den Jungs, lief es auch ohne große Probleme. Denn mit den Jungs brauchte man nicht soviel reden, es wurde einfach gespielt, geprügelt gegen andere Straßenbanden. Ich war das einzige Mädchen und dazu noch fast taub. Ich hatte eine bewährte Lektion zu lernen: bloß nicht weinen, wenn mir etwas weh tat. Einmal  auf der Baustelle stand ich oben auf der hiesigen Sandburg und wurde einfach runter geschubst. Mit meinem Fahrrad, denn ich wollte damit wie der wendige Zorro auf dem Pferd hinunter sausen. Nein, ich flog eher. Mein Riesenkasten auf der Brust (Hörgerät) flog im hohen Bogen weg und meine Ohren bogen sich. Das Verbindungsstück zwischen meinen Ohrenstöpseln und dem Kasten war ja knapp einen halben Meter lang.  Lieber Akustiker, das war arg lang. Unten angekommen lag ich da mit Sand im Mund, unterm T-Shirt und in meinem Kasten. Der größte Triumph war aber, dass ich erfolgreich auf die Zähne biss und meine Tränen zurück hielt. Wütend gebärdete ich mehr oder weniger, dass mein Kasten kaputt sei, obwohl dieser durchaus einer Dampfwalzer locker standgehalten hätte. Egal, ich hatte sie überzeugt und bekam einen Lutscher in die Hand gedrückt, der eigentlich eben für sich selbst gekauft war. Ich hatte meine Lektion bestanden und war fortan ein fester Bestandteil dieser heldenhaften Jungenbande. "Towanda", es geht doch.

So weit, so gut, die Welt war in Ordnung.  Meine Pubertätszeit schob ich so weit hinaus wie ich konnte, wollte einfach weiter in meinem Element bleiben, eben das starke Mädchen bleiben. Aber die Wahrheit schlug mir eines Tages hart ins Gesicht,  denn das Zauberwort hieß: Kommunikation.

Oh,  je, die Mädchen begannen sich für das andere Geschlecht zu interessieren, ebenso die Jungs für Mädchen.  Meine Schwester bekam gehäuft Besuche aus ihrer Schule. Ich war von heute auf morgen auf mich alleine gestellt. Meine Hörbehinderung war auf einmal ein Störfaktor. Ich begann genauer hinzuschauen, was Hörende ausmacht. Selektive Wahrnehmung nennt man das wohl. Sie konnten alles, konnten einwandfrei reden, schlau denken, diskutieren, ihre kleinen Geheimnisse austauschen, die mir verborgen blieben. Eben das große Geheimnis um Hörende, das ich wohl niemals lüften würde. 

Ich fühlte mich einfach dumm, konnte gerade noch Dreiwortsätze ohne Fehler bilden, - denken, oh ja, das konnte ich sehr gut, aber wie konnte ich meine Gedanken vermitteln mit meinem spärlichen Wortschatz? Wildfang-Dasein ade, und dann... Eines Tages mit dreizehn Jahren fuhr ich auf den Sportplatz, wie immer, um Fußballspiele anzuschauen. Es wurde Fußball gespielt, aber die Menschen waren "anders". Ich sah lauter erwachsene Gehörlose! So einen Haufen Erwachsener, die selbstverständlich miteinander stritten, lachten, sich unterhielten und das alles in GEBÄRDENSPRACHE. Das war wie ein Sog, eine Bestimmung, die mein Leben völlig verändern würde.

Wow, ich wusste sofort: Das ist mein Zuhause! Meine Welt! Meine Sprache! Ich lernte ein paar kennen und man lud mich abends in ihr Klubheim (heute wohl Hörgeschädigten-Zentrum) ein. Euphorisch fuhr ich schnell nach Hause und bat meine Eltern, mir den Ausgang zu erlauben. Sie verstanden meine Euphorie nicht ganz, aber ich durfte hin. In besten Klamotten fuhr ich hin. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, das ist ab jetzt mein Zuhause. Das war der beste Zeitpunkt in meinem Leben, ich lernte die DGS besser beherrschen und meine Identität festigte sich innerhalb der kurzen Zeit zu einer selbstbewussten gehörlosen Heranwachsenden. Meine Eltern hatten nur ganz kurz Bedenken gehabt, dass  eventuell dadurch meine Lautsprache vernachlässigt werden würde. Sie sahen mir aber an, wie glücklich ich war und sahen auch, wie viel mir die GL-Welt  mittlerweile schon gegeben hat. Mehr als 13 Jahre zusammen, in der ich fast ausschließlich in der Welt der Hörenden zubrachte. Doch meine Neugier auf Hörende war nie ganz weg. Ich träumte davon, wie toll das wäre, wenn auch Hörende gebärden würden. Das war 1984.

Ich glaubte wirklich, dass das immer nur ein Traum bleiben würde, denn ich war überzeugt, Hörende sind zu mächtig, um sich mit den Gehörlosen abzugeben. 25 Jahre alt war ich bereits, als ich immer noch davon träumte. Ich sah einfach keine Chance, Hörende kennen zu lernen, mit Interesse das auf Gegenseitigkeit beruht. Nicht diese Leute, die aus Mitleid, aus Höflichkeit oder wegen ihrem Außenseiter-Status mit mir Kontakt wollten. Oder weil ich so schräg drauf war, die was besonderes leisten musste, um gesehen zu werden.  Ich habe das nie verstanden. Ich war doch ein ganz normaler Mensch, vielleicht auch ein bisschen schräg. Ja und? Ich wollte endlich verstehen, was die Hörende so ein Geheimnis daraus machen, was mir verwehrt blieb. Erst durch meine DGS-Kurse lernte ich Schlag auf Schlag Hörende richtig kennen, die mit mir auf einer Ebene standen. Heute mit 33 habe ich ein sehr gemischtes soziales Netz, Hörende, Gehörlose, Schwerhörige, Ertaubte. Fast alle meine hörenden Freunde können gebärden, mal sehr gut, mal holprig. Eine Lektion habe ich gelernt: Hörende sind nicht mächtiger als wir. Die Erkenntnis darüber, hat mich sehr stark und locker gemacht. Mein Traum wurde Wirklichkeit! Das werde nie vergessen, nie vergessen, dass die Gebärdensprache die einzige mögliche Brücke ist, um die Integration zwischen Gehörlosen und Hörenden zu schaffen.

Fazit: Das große Geheimnis um Hörende war lange in mir eine Idee, die gar nicht real existierte. Ich lernte bei Hörenden neben ihren Stärken auch ihre SCHWÄCHEN kennen, welch eine Wohltat. Towandaaa!!

Simone

 



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